06.03.2012 –455-

Der Moment war historisch. So wie damals, als Nina Hagen sich in dieser österreichischen Talkshow selbstbefriedigte, als Romy Schneider mit einem Ex-Bankräuber flirtete oder dieser Schauspieler irgendjemandem ein Glas Wasser ins Gesicht schüttete. Hätte sie diesem farblosen Typen gar nicht zugetraut, aber so konnte man sich irren. Hinter der Maske des Spießers lauert der Abgrund, gewissermaßen, und das Beste: Er hatte sie namentlich erwähnt! Sie rückte noch näher an ihn, registrierte befriedigt, dass ihr die Kamera folgte. Wie eine übernatürliche Erscheinung, eine göttliche Leuchtreklame blinzelte ihr der Titel des neuen Romans aus den Tiefen der Imagination entgegen: „Mast(urabations)hähnchen“.

Was hatte er da gesagt? Oder noch wichtiger: Warum hatte er das gesagt, an das er sich schon im Moment, da er es aussprach, nicht mehr erinnern konnte? Und warum schwiegen jetzt alle seit gefühlten fünf Stunden oder fünf Sekunden, egal, jedenfalls wertvolle Sendezeit, in Talkshows durfte nicht geschwiegen werden, war doch klar. Und wer würde das Schweigen brechen? Die Illner? War eigentlich ihr Job. Aber ihr hatte es die Sprache verschlagen. Heiner Geißler sah ihn unverwandt an, dachte wohl: Der Typ braucht dringend einen Moderator, okay, ich machs. Frau Hamm-Brücher war froh, dass ihr Geißler nicht mehr auf den gestärkten Blusenkragen starrte, das hatte ja schon etwas von sexueller Belästigung gehabt. Die Roche? Sah ihn auch an. Rückte immer näher. Hatte er sie wirklich zum Beischlaf aufgefordert? Okay, passierte der wohl öfter, die soll sich mal nicht so haben. Außerdem törnt kackbrauner Cord ab. Und Kriesling-Schönefärb? Der sagte natürlich… falsch. Der räusperte sich und begann zu sprechen, zunächst etwas unsicher, dann immer sicherer, flüssig, besonnen.
„Ich denke, dass Herr Marxer folgendes zum Ausdruck bringen wollte: Wir leben in einer Zeit, in der ein Krimi zuvörderst ein Krimiverhinderungskrimi ist. Ein verzweifelter Versuch, uns Normalität vorzugaukeln, während wir von allen Seiten betrogen und benutzt werden. Glauben Sie wirklich, Herr Wulff habe zurücktreten müssen, weil seine Nähe zur Wirtschaft zu unappetitlich war? Herr Wulff ist ein Bauernopfer. Ein schlechter Krimi, damit man die wirklich guten verhindern kann. Ablenkungsmanöver, Eskapismus, Flucht in die offene, die wohlfeile Empörung. Gut, ich gestehe: Der Mann tut mir nicht leid. Aber wir beide, Herr Marxer und ich, wir könnten andere Dinge erzählen. Wir könnten erzählen, wie wir gekauft worden sind, wie auch andere gekauft worden sind, damit sie den Krimi, in dem sie bis zum Halse stecken, vergessen.“
Jetzt endlich hatte auch Maybrit Illner wieder ihre Sprache gefunden. „Aber Sie sind doch, Sie waren doch der Pressesprecher des ehemaligen Bundespräsidenten? Sie arbeiten weiterhin im Bundespräsidentialamt?“ Kriesling-Schönefärb winkte lässig ab. „Vergessen Sie das. Ich bin mit Beförderung bestraft worden.“ „Das stimmt“, bestätigte Marxer mit krächzender Stimme. „Und ich damit, hier in der Talkshow sitzen zu dürfen. Aber wir beide haben die Schnauze voll.“
Wow, dachte die Roche, das riecht nach einer guten Story. Okay, sie brauchte nicht unbedingt eine gute Story für ihren nächsten Roman, ein guter Titel würde es auch tun. „Mast(urbations)hähnchen“ klang vielleicht doch etwas zu intellektuell, mit der Klammer mitten im Wort konnten vielleicht Germanisten etwas anfangen, aber die lasen ihre Bücher ja nur, um sie zu verreißen. „Ficktiales“? Zu billig. Außerdem würde in ihrem neuen Roman nicht gefickt werden. „Ficktief“ ging also auch nicht. „Literanei“? Kein Sexbezug, nichts Gynäkologisches.
Es wurde wieder geschwiegen, fünf Sekunden, zehn Sekunden. Das ist die erste Sendung, in der geschwiegen wird, wenn ich anwesend bin, dachte Heiner Geißler und sah hinüber zur Hamm-Brücher, die ähnliches denken mochte. Glücklicherweise hatte Frau Illner eine Idee. Sie drückte auf ein Touchpad und sagte: „Dazu haben wir einen Einspieler.“

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