05.03.2012 –454-

Was quatschten die da? War er schon so besoffen, dass er nur noch Scheiße hörte, auch dort, wo gar keine Scheiße sein durfte, im Fernsehen nämlich, bei Maybrit Illner, die wieder einmal scharf aussah, so scharf, dass er, wenn ihn Frauen interessiert hätten, sich vorstellen würde, mit ihr… okay, die Kleine im braunen Cordanzug war auch nicht übel. Aber diese verbale Scheiße! Der Mann schüttelte sich. Tattoos! Bundespräsidenten! Und die anderen im Gastraum hingen denen an den Lippen! Und jetzt, ja jetzt, jetzt redete auch dieser Typ da! Dieser Typ, dem man den arroganten Schnösel auf hundert Kilometern Entfernung ansah, dieser Krimiautor. Hehe, aber der würde sich blamieren. Der blamierte sich schon, bevor er überhaupt die Klappe aufbekam.

„Äh“, sagte Marxer noch einmal, „die Kriminalliteratur, äh, also“ – leichtes dezentes Hüsteln in die Hohlhand – „also allgemein der Krimi, äh“ – jetzt bloß nicht die Nase hochziehen – „die Verbrechensmedien, um es einmal so auszudrücken“ – warum schaute die Illner plötzlich so pikiert? – „kurzum: noch einmal: äh: Krimis.“ „Jaaaa?“ dehnte die Illner und die Roche schlug gelangweilt ein Bein über das andere, blinzelte zu Geißler hin, der sofort Haltung annahm und zurückblinzelte. „Nun, ich meine, was sind Krimis? Das ist doch nur – Blödsinn. Der wirkliche Krimi ist immer der, der nicht geschrieben wird, verstehen Sie?“ Verstand kein Mensch, aber alle hörten gebannt zu oder taten so. Bis auf die Roche, die sich jetzt im Schritt zu kratzen begann und hoffte, irgendein Kameramann würde es sehen und sofort seinen Apparat draufhalten. „Was ist denn das Kriminelle an so einem Bundespräsidenten, he?“ Marxer erhitzte sich, seine Rede wurde flüssiger. „Das Kriminelle ist doch nicht der Bundespräsident, das Kriminelle ist doch die Gesellschaft, die sich so einen Grüßaugust leistet, der ihr einmal in fünf Jahren die Leviten liest und ein Nullsätzchen hinterlässt, einen Ruck durch Deutschland oder den Islam in Deutschland und dann tritt er ab und kassiert 200.000 Affen – wissen Sie eigentlich, wie ich mir für 200.000 die Hände blutig tippen muss, wissen Sie das eigentlich? Das sind ein paar Millionen Sätze und dann kommt so eine Tussie wie die da“ – er zeigte auf die Roche, die sich noch immer im Schritt kratzte und immer noch Geißler zublinzelte, Geißler, der seinen Blick indigniert abgewandt hatte und auf den gestärkten weißen Blusenkragen der Hamm-Brücher starrte, aber lieber in Stuttgart bei einer Montagsdemo gewesen wäre.
Marxer fuhr unbeeindruckt fort: „Hören Sie mir doch auf mit diesem Scheiß! Wir schreiben Krimis, damit wir einen Ort für die Verbrechen haben, die wir im wahren Leben nicht gebrauchen können! Die größten Verbrechen sind immer die, die nicht ans Tageslicht kommen oder was meinen Sie denn, warum ich hier sitze? Weil ich etwas zum Thema zu sagen hätte? Nein, weil man mich gekauft hat! Weil ich von einem Verbrechen weiß, das aber nicht ans Tageslicht kommen darf! Und der hier“ – jetzt zeigte er auf den kalkweißen Kriesling-Schönefärb – „der hier soll mal das Maul aufmachen, das ist auch so einer, den haben sie auch gekauft und der sitzt jetzt auch nur da rum und glotzt Ihnen auf die Titten, Frau Illner, und wenn sie nicht gleich aufhören, sich die Muschi zu stimulieren, Frau Roche, dann geb ich Ihnen meine Zimmernummer und dann sehen wir uns nach der Sendung!“
Oh ja, kein Zweifel, dachte der Mann, ich muss besoffen sein. Aber auch so was von total besoffen, ich fasse es nicht. Alles schwieg im Raum, ja, es schien ihm, als schwiege der Raum selbst, was aber nicht möglich war, denn Räume können nicht reden. Auch im Fernsehen schwiegen sie, was unerhört war, denn noch nie war im Fernsehen so geschwiegen worden. Ein historischer Moment. Die Roche mit einem Koitus Interruptus. Maybrit Illner hilflos von einer Kamera zu nächsten schauend. Heiner Geißler in den gestärkten Blusenkragen der Hamm-Brücher versunken. Die Hamm-Brücher sinnierend, was Theodor Heuss und eine gerubbelte braune Cordhose gemeinsam haben konnten. Kriesling-Schönefärb noch immer kalkweiß. „Will jemand noch ein Bier?“ fragte Hermine in die Stille hinein.

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