04.03.2012 –453-

Wie machte diese Frau das nur? Die jüngste war sie ja auch nicht mehr, aber immer sah sie perfekt aus, nur die Stiefel hatte Marxer nie gemocht, überhaupt standen Stiefel nur Frauen wie Oxana, warum auch immer. Maybrit Illner war eine Ballerina- und High-Heels-Frau, kein Zweifel. Leider saß er nicht direkt neben ihr. Sie wurde von den beiden Senioren der Runde, der Hamm-Brücher und Geißler, flankiert. Er selbst saß am äußeren rechten Rand, neben der Roche, ihm gegenüber auf der anderen Seite des Tisches und schwitzend: Kriesling-Schönefärb. Und der Überraschungsgast des heutigen Abends, in den Vorschauen nicht angekündigt, auch nicht bei der Vorbesprechung dabei: Sibylle Traunstein, die Frau, die mit einer Frau befreundet war, die einen Onkel jenes Tattoostudiobesitzers kannte, dessen zeitweiliger Mitarbeiter Ludger Schleifensiff einstens Frau Exbundespräsidentin Bettina Wulff eine rote Rose über den Steis gestochen hatte.

Für einen Moment war Marxer vom kackbraunen Cordhosenanzug der Roche abgelenkt worden, einem merkwürdig asexuellen Kleidungsstück, das die Feuchtgebiete auszutrocknen fähig war, indem der Betrachter einfach ein Schoßgebet gen Himmel schickte. Dann aber begann Maybrit zu sprechen, eine Frau in enger Jeans, mit schwarzen Heels, einer weißen Bluse. „Bundespräsidentenwahl als Krimi? Das ist heute Abend unser Thema. Aber wo anfangen? Bei Bestechung und Korruption, Vorteilsnahme und Freundschaftsdienst? Medienintrige oder gar… einem Tattoo?“
„Nein, bei Theodor Heuss!“ meldete sich Hildegard Hamm-Brücher zu Wort, „der hatte nämlich KEIN Tattoo, dafür verbürge ich mich mit meinem guten Namen!“ Heiner Geißler konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Nicht alles, was im Verborgenen blüht, ist schlecht, liebe Frau Habrüü. Denken Sie nur an Bahnhöfe unter der Erde. Ist doch nicht unbedingt schlecht, oder?“ Schmunzeln auch bei Maybrit Illner, die sich Sibylle Traunstein zuwandte. „Da haben wir ja eine Fachfrau in der Runde. Sibylle Traunstein, sie sind Hausfrau…“ – „Alleinerziehende Mutter“, korrigierte die sofort, hielt ein wenig inne und wartete auf den Applaus, der auch mit einiger Verzögerung kam. „Soviel Zeit muss sein“, sagte Maybrit Illner und weiter: „Sie als alleinerziehende Mutter – würden Sie es Ihrer Tochter erlauben – Sie haben eine, wir haben das recherchiert -, sich ein Tattoo stechen zu lassen?“ Sibylle Traunstein überlegte angestrengt und sichtbar. „Nun ja… wenn Sie mir versprechen würde, später einmal keinen Bundespräsidenten zu heiraten… Ich meine: Eine Rose über dem Steis, das ist noch kein Arschgeweih, oder?“
„Theodor Heuss…“ versuchte die Hamm-Brücher das Gespräch an sich zu reißen, wurde aber von Charlotte Roche unterbrochen. „Ich hatte mal ein doppeltes Intimpiercing, also linke Schamlippe und Perlchen, aber musste ich wieder rausmachen, hat sich leider entzündet.“ Allgemeines Entsetzen. „In Stuttgart hat mal ein Wasserwerfer so draufgehalten, dass einem jungen Mädchen der Ring aus der Nase gerissen wurde. Muss man sich mal vorstellen“, stellte sich Heiner Geißler vor. Und murmelte grübelnd nach: „Ich meine, wie unverantwortlich ist das denn, mit nem Nasenring zu einer Demo zu gehen?“ „Theodor Heuss…“ „Hatte keinen Nasenring?“ Rhetorische Frage der Illner, die sich jetzt Marxer zuwandte.
„Ich begrüße in unserer Runde auch den bekannten Kriminalautor Konstantin Marxer. Herr Marxer – Tattoos. Das waren früher die Merkmale von Verbrechern, leichten Mädchen und Seeleuten. Heute stehen sie für die Moderne schlechthin, für high life, für… Wie sehen Sie als Krimiautor diesen Trend? Wie beeinflusst er Ihr Schreiben? Und, bevor Sie mir diese Fragen beantworten, nur ganz kurz, damit wir uns das besser vorstellen können: Was ist das überhaupt, ein Krimi?“
Scheiße, dachte Marxer. Sie erwischt mich sofort auf dem falschen Fuß, die Alte. Ich muss jetzt was sagen. Ich muss mich zuerst mal räuspern. Er räusperte sich. Versuchte zu lächeln. Sagte dann: „Tja, liebe Frau Illner… der Krimi. Was ist das?“ Die Frage zu wiederholen, war ein guter Trick. Aber er brachte nicht mehr als zwei Sekunden.

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