29.02.2012 –449-

„Eins, zwei, drei, das Rohr ist wieder frei“, murmelte der Mann an der Pissrinne. War ne ganz nette Kneipe hier. Gemütlich, bisschen altmodisch, die Bedienung genau sein Fall. Kompakt, kompetent, komplizenhaft mit den Stammgästen. Was ihm vor allem gefiel: Hier lief keine Musik. Schon gar nicht das Karnevalsfolterzeugs, mit dem man ja – er hatte das aus dem Fernsehen erfahren – in Guantanamo die Islamisten und das, was man dafür hielt, zu jedem Geständnis pressen konnte. So. Hosenstall zu, sorgfältig die Hände waschen. Dazu ein Liedchen pfeifen. „Zwanzig Zentimeter“. Er hasste sich dafür, aber man bekam den Dreck einfach nicht aus den Ohren.

Ja, die Gewohnheiten. Diesen blöden Spruch an der Pissrinne hatte er von seiner Konfirmationsfeier in „Rüddemayer’s Residenz“, einem Ausflugslokal, wo sie im Hinterzimmer zusammensaßen, Besäufnis aus christlichem Anlass, es lebe die Religion. Die ganze scheckige Familie war zusammengekommen, fünf Onkels, einer versoffener als der andere. Sie waren gemeinsam zur Toilette gezogen, den Neffen in der Mitte, sechs gezückte Colts in Reih und Glied sozusagen. Und die Onkels hatten dreimal ihre Teilchen abgeschüttelt, ihr Sprüchlein aufgesagt. Hatte er damals cool gefunden, übernommen, obwohl… aber war eine lässliche Sünde, ach was, Sünde! Der Mann hatte drei Semester Soziologie studiert, er kannte die Mechanismen in der Gesellschaft, all die schlechten Angewohnheiten.
Und er konnte in den Augen seiner Mitmenschen lesen. In denen dieses Karnevalsprinzen hatten blanke Angst, schieres Entsetzen und unbegrenzte Panik gestanden. „Was los?“ Da war dem Typen sofort der Schweiß ausgebrochen, so was von Strömen sah man nicht oft. „Was los?“ wiederholte der Mann – und Karl-Heinz brach vollständig zusammen, buchstäblich, er musste ihn reaktionsschnell am Arm packen, sonst wäre der mit der Fresse direktemang ins Urinal gekippt. „Dann erleichtere dich mal emotionsmäßig“ – und das hatte Karl-Heinz getan, und wie.
Deshalb war er hier. Diesem Borsig und seinen drei Ladies unauffällig gefolgt. Mann, Weiber, bei deren Anblick die Phantasie auf die dümmsten Gedanken kommen konnte! Er machte sich ja wenig aus Frauen. Nein, nicht schwul oder so. Aber er neigte von Kindesbeinen an zur Autarkie, will sagen: Was ich alleine machen kann, dafür brauch ich niemanden sonst. Das war sein Leitspruch, seine Philosophie. Man konnte gegen die Selbstbefriedigung allerlei einwenden, eins aber nicht: dass die Zigarette danach schlechter schmeckte als nach dem handelsüblichen Geschlechtsakt mit einem zweiten menschlichen Wesen. Eher im Gegenteil. Zuletzt hatte er vor dreieinhalb Jahren mit einer Frau geschlafen und die war militante Nichtraucherin gewesen.
Er kehrte zu seinem Tisch, zu seinem Bier zurück. Es war noch ziemlich früh, außer Borsig und seinem Trio hockten nur ein paar ältere Herrschaften in der Kneipe, neckten die stramme Bedienung, die sich „Hermine!“ riefen ließ. Hunger? Ja, man würde jetzt eine Kleinigkeit vertragen. Auf der bescheidenen Speisekarte wurde neben strammen Mäxen, Würstchenpaaren mit Brot und Senf, Käsebroten und Frikadellen auch ein senegalesisches Nationalgericht angeboten, „schmeckt wesentlich besser als es aussieht“, offenbarte ihm Hermine auf die entsprechende Frage. Er lächelte sie an – charmant war er schon immer gewesen – und bestellte eine Portion.
Und weiter jetzt? Er hatte natürlich mit seinen Vorgesetzten Rücksprache gehalten. Die Leute in Augenschein nehmen, so der Auftrag, erst einmal passiv, man würde dann mögliche Aktivitäten abwägen. Dafür war er der richtige Mann. Unauffällig, eloquent, gute Manieren. Er schaute in das dampfende Etwas auf seinem Teller, eine Art Brei mit Fleischstücken, Farbe beige wie ein Billy-Regal. „Guten“, wünschte Hermine. Er bedankte sich und gabelte den ersten Bissen. Hm. Schmeckte wirklich gut.

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