28.02.2012 –448-

Es stellte sich heraus, dass Mathias Lanhoff, ehemals Fußballprofi- und trainer, hernach kurzzeitig Leiter eines IT-Unternehmens in Vertretung seines auf mysteriöse Weise verschwundenen Jugendfreundes, nun, nach heftiger psychischer Erkrankung, die ihm dabei half, ein traumatisches Erlebnis mit einer Leiche und einer Frau aufzuarbeiten, Chauffeur in Diensten eines dubiosen Geschäftsmanns, es stellte sich also – um diesen Satz nicht noch länger zu machen, als er schon ist, aber warum eigentlich nicht? – es stellte sich also heraus, dass eben jener Mathias Lanhoff, den ich da zufällig vor dem Bahnhof getroffen hatte, dortselbst auf den ICE aus München wartete, mit dem die Tochter seines Chefs eintreffen würde.

„Der Chef hat übermorgen Geburtstag“, sagte Lanhoff, „die ganze Familie kommt. Susannchen ist Chocolatière, wenn Sie wissen, was das ist.“ Ich wusste es nicht, fragte aber auch nicht danach. „So, so“, fuhr Lanhoff fort, „und Sie sind dieser komische Bundesbeauftragte für Bürgerglück? Kommen Sie sich nicht etwas merkwürdig vor?“ Ich seufzte. Das sei noch sehr zurückhaltend ausgedrückt. Lanhoff sah wieder auf die Uhr, „noch sieben Minuten“, zog sein Zigarettenpäckchen hervor, hielt es mir hin. Ich nahm dankend an, wir rauchten noch eine.
„Tja, mit solchen Überraschungen muss man bei IHM rechnen“, sagte er nach den ersten beiden tiefen Zügen. „Er ist ein erbarmungsloser Autor, er behandelt seine Protagonisen lieblos, lässt sie manchmal sogar sterben.“ Ich nickte. Hatte ich gehört. „Na, wenigstens erscheint dieser Mist hier nicht in Buchform. Ihre Sache kann man ja sogar in Spanisch lesen.“ Lanhoff spuckte aus. „Wird so sein, aber ich denk lieber nicht dran. Jedenfalls sind wir verwandt, uns erwartet das gleiche unerbittliche Schicksal. Keine Ahnung, wie meines diesmal sein wird. Im ersten Buch hat er mich knallhart mit einer verwesenden Leiche in einen Bunker gesperrt, ne Frau war auch noch dabei, ne Kommissarin.“ Ich erinnerte mich dunkel. „Und an dieser Scheiße hab ich halt am Anfang des neuen Buches zu knabbern gehabt und dann werde ich halbwegs wieder gesund und was mach ich? Ich werde Chauffeur! Der Typ ist völlig durchgeknallt. Jetzt hockt er in seinem Elfenbeinturm und überlegt sich, wie es mit mir weitergehen soll.“
„Er hat keinen Plan? Sie meinen…“ Ich tat erstaunt. Lanhoff winkte ab. „Der feine Herr tut immer so, als sei er der große Zampano, der souveräne Marionettenspieler. In Wirklichkeit hangelt er sich von Absatz zu Absatz, ohne zu wissen, wie es eigentlich weitergehen soll.“ „Hm“, sagte ich, „bei mir scheint er im Moment nen ziemlichen Hänger zu haben. Eigentlich müsste mal wieder was passieren, Mord oder was in der Art. Stattdessen hängen wir alle irgendwo im Nichts einer ebensolchen Handlung. Es geht um geldlose Gesellschaften und einen verschwundenen Buchhalter, falls es Sie interessiert.“
Nein, sagte Lanhoff, das interessiere ihn nicht die Bohne. Er müsse jetzt auch auf den Bahnsteig, Susanne abholen. Sie werde ihm wieder eine Tafel Schokolade mitbringen. „Madagaskar. Stellen Sie sich das mal vor. Die Alte fährt zweimal im Jahr nach Madagaskar, um dort Kakaobohnen zu kaufen. Irre, nicht?“ Fand ich auch. Wir gaben uns die Hand. „Schön, mal ein anderes Opfer des sauberen Herrn Autors kennengelernt zu haben. Einfach Augen zu und durch, sag ich immer, hätte schlimmer kommen können. Stellen Sie sich nur mal vor, Sie wären Protagonist bei Friedrich Ani. Mei, oh mei!“ „Oder Guido Rohm“, sagte ich. „Der bringt nen neuen Erzählband raus, ‚Die Sorgen der Killer‘, und der googelt diese Folge hier totsicher und verlinkt sie wieder in Facebook.“ „Scheiß soziale Netzwerke“, sagte Lanhoff und wandte sich zum Gehen. „Aber eins muss man unserem Autor lassen. Er spart nicht an deftigen Sexszenen.“ Ich nickte und dachte unwillkürlich an Hermine. Schnell heim, duschen, ausruhen. Dann in die „Bauernschenke“ und auf Marxers Auftritt bei Maybrit Illner warten.

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