27.02.2012 –447-

Es wäre unfair mir vorzuwerfen, regelmäßige Arbeit schrecke mich ab. Man sollte das schon differenzierter sehen. Arbeit versetzt mich regelmäßig in Schrecken, aber, bitte schön, wen nicht. Nach dem Horror des Doppelauftritts der Damen Hermine und Annamarie jedoch flüchtete ich ausnahmsweise nicht vor, sondern in die Arbeit, ließ Glückstheorien der „Menschen in unserem Land“ (H. Kohl) über mich ergehen und malträtierte meinerseits die Menschen in unserem Land mit meinen Vorstellungen von Glück, allerdings nicht, um sie unbedingt glücklich damit zu machen.

Hermine und meine Sekretärin verbrachten ein paar nette Stunden schwatzend in der Kaffeeküche, bevor sie als beste Freundinnen schieden. Selbstverständlich nahm Annamarie Hermines Angebot, sie an ihrem Arbeitsplatz in der „Bauernschenke“ zu besuchen, dankend und mit Freuden an. Unsere kleine Familie wuchs, wir waren zudem gerade voll auf dem Karrieretrip.
Punkt 16 Uhr schaltete ich den Rechner aus, Annamarie hatte das erste Schock Ordner angelegt und damit begonnen, die abgearbeitete Post mitsamt Antworten abzuheften. „Sie machen schon Feierabend?“ Sie fragte das mit hochgezogenen Augenbrauen und sofort übermannten mich Schuldgefühle, wie sie die ausgemergelte Klasse des subalternen Proletariats tückischerweise zu produzieren versteht. Dann aber erinnerte ich mich, hey, ich war hier der Chef und konnte machen was ich wollte, ausbeuten wen und wie ich wollte, der rotgrünen Regierung von anno dunnemals sei Dank. „Jo“, sagte ich kurz und wünschte einen schönen zukünftigen Feierabend. Frau Kainfeld schlug ein Bein über das andere, das war die subtile Rache der Untergebenen, die ihre Physis in einem Schaufenster präsentierten, wir Chefs davor, wohlwissend, dass wir dieses Geschäft nicht würden betreten dürfen. „Hm, meinetwegen. Wir sehen uns ja heute Abend wieder.“ Ich nickte und schlich, immer noch schlechten Gewissens, von dannen.
Warum es mich zum Hauptbahnhof zog, der nicht auf meinem Heimweg lag, wusste ich nicht und werde es wohl auch nie wissen. Wollte ich mir meine Günther-Rath-Gedenkbrezel kaufen? Eigentlich nicht, aber ich tat es. Kaute versonnen darauf herum, gönnte mir auch einen Blick in die Kaffeebar, wo Claudia alle Hände voll zu tun hatte und mich nicht bemerkte. An der Theke stand ein Typ in Uniform, sah wie ein Chauffeur aus, er sprach mit Claudia, sie scherzten offensichtlich, denn beide kicherten. Irgendwie kam mir der Kerl bekannt vor. Ein gutaussehender Mann mittleren Alters, das Haar schon gelichtet, die Uniform passte nicht zu ihm, ich war mir auch sicher, dass er das wusste. Aber woher kannte ich ihn?
Ich ging vor die Bahnhofstür, rauchte eine Zigarette und musterte die Luft. Sie hatten uns seit heute Morgen Schnee versprochen (oder angedroht), aber es war noch keiner gefallen. Ich atmete durch. Geh nach Hause, sagte ich mir, leg dich ein wenig hin, diese regelmäßige Arbeit ist nichts für dich, die macht dich müde. Aber ich war gar nicht müde und das überraschte mich dann doch.
Der Chauffeur stand neben mir, kramte Zigaretten und Feuerzeug aus der Tasche, rauchte, wartete, schaute auf seine Armbanduhr. Ich betrachtete ihn im Profil. Verdammt, ich kannte ihn, aber die Uniform irritierte mich. Also stellte ich ihn mir ohne vor, zuerst im Businessanzug, dann in Freizeitklamotten, schließlich – in einem Trainingsanzug. Und plötzlich fiel der Groschen. Das war Mathias Lanhoff, Extrainer der ortsansässigen Fußballmannschaft und vor Jahren in einen mysteriösen Mordfall verwickelt. Der arbeitete jetzt als Chauffeur?
Ich musste ihn mir etwas zu penetrant betrachtet haben, denn er bemerkte es, wandte sich mir zu, zog ein letztes Mal an seiner Kippe und sagte: „Kennen wir uns?“ „Sie sind doch der Trainer, stimmts?“ Er nickte bedächtig. „Ja. Und Sie? Irgendwie kommen Sie mir auch sehr bekannt vor.“

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2 Antworten zu 27.02.2012 –447-

  1. Bio schreibt:

    Mathias Lanhoff? Der kommt mir irgendwie bekannt vor. Ein Menschenfreund, gelle?

    • Dieter Paul Rudolph schreibt:

      Tja, und was für einer… der arme Kerl hat ne schwere Krise durchgemacht, aber jetzt schlägt er wieder zu…

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