26.02.2012 –446-

Er war der ewige Hamster. Ein kleines Rädchen, das das große Rad drehen musste, eine Käfigexistenz mit virtuellem Freilauf, allerhöchstens nachtaktiv, wenn er nicht schlafen konnte und in seiner Wohnung auf und ab ging, um ein Waswärewennleben zu ergrübeln. Okay, ein Luxusdepressiver mit Pensionsanspruch. Letzte Nacht, ja. Nach dem Anruf aus dem Bundeskanzleramt, die schnarrende Stimme eines anonymen Vorgesetzten: „Sie bleiben selbstverständlich auch unter Gauck Pressesprecher, vielleicht nicht erste Reihe, aber immerhin. Lassen Sie sich ein paar nette Merksätze à la ‚Der Islam gehört zum Islam‘ oder so einfallen, werfen Sie sie in die Diskussion. Und morgen Abend gehen Sie zur Illner in die Sendung.“

Nein, wollte er nicht. Aber haben Hamster einen freien Willen? Können sie so mir nichts dir nichts aus dem Rad springen? Und dann? Auf verzweifelter Nahrungssuche ins Nichts. In seiner Verzweiflung hatte Kriesling-Schönefärb bei Oxana angerufen, um sich nach der Situation im Allgemeinen und dem Zustand Sonja Webers im Besonderen zu erkundigen. Sonja schlafe sehr viel, sagte Oxana ein wenig reserviert, sie stehe unter Medikamenten. „Das mit Moritz und Georg Weber hast du gehört?“ Nein, von wem denn. Oxana erzählte es ihm in Stichworten, Kriesling-Schönefärb staunte. Hoffnung keimte in ihm, die Hoffnung, es sei eben nicht alles gut, nicht alles geregelt in diesem Krimi, der, wenn er ein Krimi wäre, soeben ganz langsam ausgeblendet wird, damit der fade Beigeschmack des Happyends in kleinen Schüben kommt, nicht mehr wahrzunehmen. Ein Krimi braucht Überraschungen, braucht das erkennbare Verbrechen, hier war es wieder: Georg Weber.
Ins Büro zum Däumchendrehen. Ein Stapel druckfrischer Tagespresse auf dem Schreibtisch, bis um 13 Uhr musste er durchhalten, dann hatte er seinen „Außentermin“ bei der Illner, etwas ausruhen vorher, noch einmal ausgiebig duschen, Vorbesprechung, schminken, ein paar Phrasen vor laufenden Fernsehkameras dreschen, kleiner Umtrunk, sich hernach freuen, wenn man sich nicht allzu sehr blamiert hatte.
Das Überfliegen der Schlagzeilen. „Griechenland in trockenen Tüchern!“ Klang wie „Trockene Tücher endlich erfolgreich um die Hälse des griechischen Prekariats geschlungen!“ Oder das hier: „Gauck muss wilde Ehe beenden, da sonst Würde des Amtes bedroht!“ Irgendein CSU-Familienpolitiker (klang wie der notorische „Terrorismusexperte“ beim ZDF), aber in diesen Kreisen existierte die wilde Ehe sowieso parallel zur unwilden mit Trauschein, kleiner schreiender Beitrag zur günstigen demografischen Entwicklung inklusive. Heuchlergesellschaft, intellektuelles Brachland.
Puh, was war das? „Kommune Antonio Gramsci zum EU-Mittel-geförderten landwirtschaftlichen Musterbetrieb ernannt!“ Und, tatsächlich, die bekannten Fressen, etwas derangiert in die Kamera grinsend, vorne weg dieser Konrad, aber Schnüffel, der Schmierendetektiv, fehlte wenigstens. Nein, nicht mehr zum Aushalten. Kriesling-Schönefärb schob den Stapel Zeitungen angewidert von sich, alles Lüge, alles Betrug, alles Vertuschungsmanöver.
Endlich 13 Uhr, endlich konnte man aus dem Büro schleichen, endlich die frische kalte Luft atmen. Würde schneien. Oder schneeregnen, irgendwas halt. Er fuhr zu seiner Wohnung, rasierte sich, duschte sich, legte sich ein Stündchen aufs Ohr, hoffte, das Telefon würde sein Maul halten, das Telefon tat ihm den Gefallen, nur der Wecker rappelte, 15 Uhr 30, er musste zur Illner.
Welche anderen Gäste würden kommen? Hatte man ihm nicht gesagt. Er schaltete den Fernseher ein, wählte den Teletext, schaute in die aktuelle Programmvorschau. Hamm-Brücher, Geißler – Marxer. Auch das noch. Aber vielleicht gar nicht so schlecht. Man würde reden können. Man würde neue Pläne machen, neue Hoffnungen schöpfen, neue Kraft generieren. Oder endgültig abkacken.

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