23.02.2012 –443-

Es ging gegen Mittag. Ich hatte über all der Korrespondenz die Zeit vergessen, als meine Sekretärin das Büro betrat, ihr Businessmäntelchen über dem Businesskostüm, mich Werktätigen wohlgefällig musterte und dann sagte: „So, ich mach mal Mittag. Soll ich Ihnen was mitbringen? Brötchen? Salat? Fünfminutenterrine?“ Ich entschied mich für ersteres und wartete auf jenes schreckliche Wort, das mích bisher davon abgehalten hatte, einer regelmäßigen Beschäftigung mit Kolleginnen und Kollegen nachzugehen, auf das Wort „Maaaaahlzeit!“ Annamarie Kainfeld ersparte es mir, sie sagte stattdessen: „Und dann schau ich mal schnell, ob ich ein paar Blümchen organisieren kann, ohne Blümchen wirkt so ein Büro ja reichlich trist.“ Okay, auch keine guten Aussichten. Aber ich nickte es ab und widmete mich wieder dem Glück.

Tatsächlich schien es einen Mangel an Glück zu geben. Die einen weinten darüber, den anderen war es ganz recht, manche hielten das Unglück für die Grundlage der menschlichen Existenz und das Glück eher für einen Betriebsunfall derselben. Es gab natürlich auch die üblichen Verschwörungstheorien. „Dass ich kein Glück habe“, schrieb Frau Esther S. aus M., „liegt daran, dass sich alle Friseure unserer Stadt gegen mich verschworen haben und mir Frisuren machen, die mein durchaus ansprechendes Äußeres unvorteilhaft wirken lassen. Vernichten Sie diese Brut!“

Ich verplemperte fünf Minuten damit, mir eine möglichst angemessene Todesart für verschwörerische Friseure auszudenken, trat ans Fenster, öffnete dieses und rauchte eine Zigarette in die kalte Winterluft. Der Brieftäger hatte längst Nachschub gebracht, Hilferufe wie „Wenn ich nicht binnen drei Wochen endlich einmal GLÜCK habe, lege ich mich aufs nächste Dach und schieß mit meinem Karabiner wahllos Menschen ab!“, Drohungen à la „Wenn Sie mich nicht glücklich machen, mache ich SIE unglücklich!“ oder schlichtweg Vorschläge, was Glück eigentlich sei („ein chemischer Prozess, ich habe die Formel gefunden und wäre bereit, sie gegen einen geringen Unkostenbeitrag…“) und wie man es flächendeckend („… empfehle ich die Transformation des Glücks in eine gasförmige Materie, welche sich durch handelsübliche Sprühflugzeuge…“) zur Anwendung bringen könne. Es war jetzt genau 12 Uhr, ich begann mein Schicksal zu beklagen.

Dabei – war ich nicht noch einmal gut davongekommen? Ein paar Tage später und man hätte mir wohlmöglich den Job des Bundespräsidenten angeboten. Okay, ich kannte weder Filmschaffende noch Riesterrentenverkäufer, ich urlaubte grundsätzlich nicht auf Sylt und hatte den Sohn, dem man ein Bobbycar schenken konnte, noch nicht gezeugt. Dunkel aber erinnerte ich mich an Sylvia aus dem Kindergarten, die ich – wir waren beide vier – einmal dermaßen an den Haaren gezogen hatte, dass sie schreiend zur Betreuerin gerannt war. Diese Schandtat würde mich – der Bildzeitung traute ich alles zu – gewiss einholen und meinen sofortigen Rücktritt erforderlich machen.

Der Gedanke an Rücktritt wurde durch Annamarie Kainfelds Rückkehr aus der Mittagspause obsolet. Sie brachte mir einen Vegiburger, dessen Belag fast zur Gänze aus verwelkten Salatblättern bestand, und präsentierte stolz zwei winzige Blumentöpfe, in denen angeblich sehr dekorative Pflanzen heranwuchsen. „Eine für mein Büro, eins für Ihres. Einverstanden?“ Ich kam nicht dazu, das Ganze abzunicken, denn es klingelte an der Tür. „Nanu?“ fragte Annamarie Kainfeld eher sich selbst als mich, „Schon wieder der Postbote?“ Sie ging um zu öffnen.

Stimmen. Zwei Frauenstimmen, die sehr schnell handgemein wurden, wie der Dichter sagt. Ich kannte beide, etwas begann mir kalt über den Rücken zu laufen. Jetzt schrieen sie sich beinahe an, es polterte. Glück, dachte ich, Glück wäre es nun, irgendwo anders zu sein. In einer Forschungsstation am Südpol beispielsweise, im brasilianischen Urwald… bevor ich mich für einen geeigneten Ort entscheiden konnte, wurde auch schon die Tür zu meinem Büro wie von Furien geschändet aufgerissen.

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