21.02.2012 –441-

Aaaaaah, die Beine ausstrecken! Beim ZDF wusste man zu leben und seine Gesprächspartner leben zu lassen. Natürlich Business Class! Natürlich Linienflug, alle Getränke inklusive, sogar die druckfrischen Zeitungen und, auf Wunsch, ein kleines Frühstück. Marxer biss in sein Hörnchen. Es war knusprig und dennoch locker gebacken. Die Biss- und Kaugeräusche wurden vervielfacht, denn mit Marxer bissen weitere geschätzte zwanzig Personen in ihre Hörnchen. Repräsentanten des gehobenen Managements, taxierte Marxer und machte seine Beine extralang.

Der Mann neben ihm hatte seine Nase in der FAZ. Marxer schielte kurz auf die Schlagzeile. „Christian Wulff auf der Flucht! Ein Sondereinsatzkommando der Polizei ist ihm auf den Fersen“. Gut so! War was los in Deutschland! Endlich! Die festgefügten Strukturen bröckelten. Kleinere Schlagzeile in der rechten unteren Ecke: „UNESCO erklärt Hunger offiziell für ausgestorben“. Auch nicht schlecht. Den Mann interessierten wohl nur die Wirtschaftsnachrichten. Er gähnte und griff nach dem Kaffeebecher, sein Blick streifte Marxer und hellte sich auf.

„Sie sind doch… der Schriftsteller?“ Marxer wurde rot, wie immer, wenn man ihn spontan erkannte, was nicht oft vorkam. Er war halt kein „Star“, es gab keine Castingshows für Autoren. Warum eigentlich nicht? Der Mann faltete die Zeitung achtlos zusammen. „Gestatten, Otto Schwetzgiebel, Events en gros et en détail und Image Modelling Engineering. Auch Geschäfte in Berlin?“ „Maybrit“, flötete Marxer. „Wow“, sagte Schwetzgiebel. „Geht`s wieder um diesen Schluri, der seine Hotelschulden bar bezahlt?“ Marxer gluckste. „Nein, nein, wir haben heute ein seriöses Thema.“ Sein Albtraum fiel ihm wieder ein, die Absage der Sendung. Er begann zu schwitzen. Alle Welt rechnete mit dem Rücktritt des Bundespräsidenten, aber doch nicht heute, oder? Das konnte ihm dieser Typ nicht antun! Wo war die Bundeskanzlerin, wenn man sie einmal brauchte? Bitte, bitte, lasst mir Maybrit!

„Also ich lese ja keine Krimis, die sind mir zu realistisch.“ Ein großes Wort, das der Mann gelassen aussprach. Marxer runzelte die Stirn. „Zu realistisch? Sie meinen wohl zu unrealistisch?“ Der Mann schüttelte den Kopf. „Nein, zu realistisch. Zu nah an meinem Leben. Ich mag eher Science Fiction.“ „Hm“, machte Marxer, „es gibt auch Science-Fiction-Krimis“. Das wisse er sehr wohl, antwortete der Mann. „Isaac Asimov und so, ja. Nicht schlecht. Sie haben nicht zufällig auch einen geschrieben?“

Das verstimmte Marxer leicht, hatte er doch geglaubt, hier einen FAN getroffen zu haben. Und jetzt stellte sich heraus: Las keine Krimis, kannte sein OEuvre nicht. „Noch nicht“, sagte er heimtückisch. „Aha“, sagte der Mann. „Also was in der Pipeline?“ In der Pipeline! So redeten sie heute alle! In der Pipeline! Er war doch keine Kreatur von Gerhard Schröder und Wladimir Putin, irgendso eine Gasleitung, also besser: Wörterleitung. „Sozusagen“, verriet er, wieder mit einer hübschen Portion Heimtücke.

„Und um was handelt es sich? Welches Jahrhundert haben Sie im Visier?“ Marxer überlegte kurz. „Das 21., natürlich. Die Welt ist geldlos geworden, politiklos, ideenlos, planlos, ehrlos. Arbeitstitel: Das große Los“. War ihm gerade eingefallen. Die Idee war nicht schlecht, musste man sich merken.

„Hm“, sagte der Mann, „ich werde Ihr zukünftiges Schaffen im Auge behalten. Schreiben Sie doch mal was völlig Abgefahrenes. Einen Zukunftskrimi, der in der Vergangenheit spielt etwa.“ Marxer winkte ab. „Gibt’s schon.“ Er verkniff sich Autorennamen und Titel. Jetzt bloß nicht aufregen. Dieses Arschloch!

Er streckte die Beine noch einmal aus, der Mann neben ihm entfaltete wieder die Zeitung, las. „Zu realistisch“, murmelte er. „Was?“ Der Mann sah auf. „Zu realistisch. Die Nachrichten. Mag ich nicht.“ Blickte wieder ins Papier.

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