20.02.2012 –440-

„Georg Weber? Bist du dir da sicher?“ Oxana hatte Marxer am Morgen zum Flughafen gebracht und sich dann mit mir im Café getroffen. „Nein“, antwortete ich, „sicher bin ich mir ganz und gar nicht. Er hat es behauptet – und warum hätte er es tun sollen, wenn nicht aus dem simplen Grund, dass er tatsächlich Georg Weber ist. Wie er Sonja verteidigt hat, das hatte schon etwas Brüderlich-Pathologisches.“

Wir legten eine kleine Nachdenkpause ein und bedienten uns am Büffet. Über diesem flimmerte ein Fernsehmonitor tonlos vor sich hin, ein Nachrichtensender, ein Endlosticker mit Börsennotierungen, der sich wie eine Bauchbinde um Bilder aus Athen schnürte, brennende Häuser, prügelnde und verprügelte Menschen, deren Worte ungehört aus dem Bildschirm in die Müslischalen, die Marmeladentöpfchen, auf die Wurst- und Käseplatten zu fallen schienen. Ja, natürlich, das bildete ich mir nur ein.

Wieder an unserem Tisch, betrachtete Oxana meinen Hals, der noch immer gerötet war. Das Sprechen fiel mir schwer. „Und er wollte dich wirklich töten?“ Keine Ahnung. Ich hatte irgendwie keine Lust gehabt, mir die Frage von meinem Angreifer auf praktische Art beantworten zu lassen. „Das heißt aber auf jeden Fall…“ Sie biss in ein Biobrötchen mit Erdbeerkonfitüre. „…dass das Feuer noch längst nicht gelöscht ist, obwohl die staatliche Feuerwehr alles versucht hat, die Beteiligten mit Wohltaten zu löschen.“ Das Bild mochte schief sein, aber es gefiel mir.

Ich blickte hoch zum Monitor, wo die Bilder aus Athen dem Porträt unseres Bundespräsidenten hatten weichen müssen. „Vergangene Nacht“, sagte ich kauend und mit schmerzendem Hals, „vergangene Nacht habe ich überlegt, wie verzweifelt die Lage eigentlich sein muss, wenn es eine Regierung darauf anlegt, Anarchie zu schaffen. Dieser Typ da…“ Ich wies auf das Bild des Präsidenten. „… der ist doch nur ein Mosaiksteinchen, die höchste Würde des höchsten Amtes, das Sinnbild von Demokratie und Ordnung – vielleicht will man uns ja nur zu verstehen geben: Seht mal her, nichts hat Bestand, die edelsten Werte sind Dreck geworden, die Geschichte unseres Landes hängt ab von kostenlosen Urlauben, günstigen Krediten und billigen Kindertretautos.“

„Ja“, sagte Oxana, „das ist das Vorgeplänkel. Was sie mit den Griechen machen – ein Volk wird in die ökonomische Steinzeit zurückgespart, Geld wird zum Fluch und kein Mensch wird es vermissen, wenn es mal eine Zeitlang nicht mehr da ist. Einige werden sich bereichern, die meisten werden verarmen – und dann ist das Geld plötzlich wieder da und wir leben im 17. Jahrhundert oder wo. Die Maschinerie läuft und wir können sie nicht mehr stoppen. Keine guten Aussichten.“

Wir trennten uns vor der Tür des Cafés. „Kommst heute Abend auch in die ‚Bauernschenke‘, Marxer bei Maybrit gucken? Ich bin schon ganz heiß drauf, mitansehen zu dürfen, wie Herrchen sich blamiert.“ Ja, würde ich machen. Jetzt aber rief die Pflicht in der lockenden Gestalt von Annamarie Kainfeld und Säcken voller Post, die nach der Definition von Glück heischte. Wir gaben uns Küsschen und trollten uns.

Die Ereignisse der letzten Nacht hatten meine Sinne wieder geschärft, jeder Passant, der mir entgegenkam, konnte der vermummte Angreifer sein, aus jedem Mantelsack ein Messer gezückt und mir in den Bauch gestoßen werden. Ich fühlte mich gut, was verwunderlich war. Vielleicht hatte ich mich an dieses aufregende Leben schon gewöhnt, vielleicht war es das, was ich immer gewollt hatte. Der Mensch ist ein merkwürdiges Säugetier, das wissen wir alle. Er kann denken und das stürzt ihn ins Verderben, aber zum Trost weiß er wenigstens, warum er ständig in der Scheiße landet, weil er eben reflektieren kann. Allerdings immer nur, wenn es bereits zu spät ist.

In meinem Büro brannte Licht, das erkannte ich von der Straße aus. Trüber Himmel, leichter Schneefall, Annamarie getreulich bei der Arbeit. Oder jemand anderes, der da oben auf mich wartete.

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