18.02.2012 –438-

Was ist Glück? Glück ist, wenn der Unterarm, der gerade deinen Kehlkopf quetscht, nicht einem mit Drogen vollgepumpten Muckibudensuchti gehört. Glück ist, wenn das Messer, dessen Spitze gerade die Haut deines Halses ritzt, kein Spitzenprodukt aus japanischer Herstellung ist. Glück ist auch, wenn der Angreifer, der dich gerade im Griff hat, ein Tuch vor dem Gesicht trägt, um dich vor seinem Mundgeruch zu bewahren. Und was ist Pech? Pech ist, wenn dich der Typ in einen dunklen Hauseingang bugsiert, dir „Ich stech dich ab“ ins Ohr flüstert und du keinen Zweifel daran hegst, dass er es auch tut. Vor allem, wenn er Georg Weber heißt.

Zurück auf Anfang – und gleichzeitig ans Ende. Ich hatte meinen Auftrag erfüllt und Georg Weber gefunden, indem ich es so einrichtete, dass er MICH finden konnte. Cleveres Kerlchen, dieser Moritz Klein. Georgs Schwester würde zufrieden sein. Schade nur, dass ich selbst ihr die frohe Botschaft nicht mehr würde überbringen können, denn – unter uns – sogar ein schlichter Satz wie „Hallo Sonja, Georg lebt, alles paletti“ lässt sich nicht vernünftig artikulieren, wenn man die Kehle durchgeschnitten gekriegt hat.

Er, der so plötzlich wieder unter den Lebenden weilte, drückte noch immer massiv meinen Kehlkopf. Ich schnappte nach Luft, ich überlegte, wie ich mich würde wehren können, spürte zugleich den kalten Stahl, verschob eine Entscheidung auf später, so sehr hatte mich unsere Kanzlerin bereits charakterlich manipuliert. Später!

„Sie sind ein Sauhund!“ keuchte Georg Weber. Auch ihn strengte die ganze Aktion hörbar an, was mich ein wenig tröstete. „Machen sich an meine Schwester ran, die is doch naiv, die peilt doch nix, die hüpft doch mit jedem und jeder ins Bett, also nicht nuttenmäßig, die is nur strunzdoof.“

Was sollte das? Wollte er mir ein Psychogramm seiner Schwester ins Ohr flüstern? Brauchte er das? Brauchte ICH das? Ich brauchte es nicht, ehrlich gesagt. Zumal dieses Psychogramm falsche Informationen enthielt, denn Sonja Weber mochte alles sein – mannstoll, doof, naiv – dumm war sie nicht und schon gar nicht unschuldig. Aber Georg Weber hörte nicht auf mich, weil ich ja auch nichts sagen konnte. Er redete weiter.

„Geht Sie auch nix an, was ich mach oder nicht mach, wo ich bin oder nicht bin! Sie stören meine Kreise, okay? Sie kosten mich bares Geld, Sie Idiot! Wissen Sie das eigentlich? Wissen Sie überhaupt was? Sie haben mir echt kein Glück gebracht!“

Ha ha, das fand ich jetzt witzig! Der erste Bürger, mit dem ich über Glück parlierte (na ja, es war bisher nur ein Monolog), warf mir vor, ein Unglücksbringer zu sein. Würde das rauskommen, wäre das direkt geschäftsschädigend, ein gefundenes Fressen für die Bildzeitung, nachdem die Wulffweide abgegrast war.

Nicht reden zu können hieß nicht, auch das Denken einzustellen. Ich dachte also. Man könnte einen Ohnmachtsanfall simulieren, was durch die Malträtierung meines Kehlkopfes logisch zu begründen war und selbst Georg Weber einleuchten musste. Einfach zusammensacken, aber dann ganz plötzlich den Ellenbogen nach hinten stoßen, direkt auf den Solar Plexus meines Malträteurs. Der quatschte sich immer mehr in Rage.

„Du verficktes Schwein, du verdammtes Stück Scheiße! Du machst alles kaputt, du hirngepoppter Schmierlappen, du!“ Hm, der Bursche wusste zu fluchen, das musste man ihm lassen. Hirngepoppter Schmierlappen war nicht schlecht. Ich versuchte mich an einem Stöhnen und Zittern, ließ meine Beine ein wenig weich werden. „Mach mir jetzt nicht schlapp, du ausgelutschtes Hustenbonbon“ – hm, nee, Georg, das enttäuscht mich jetzt. „Ausgelutschtes Hustenbonbon“? Das könnte von meiner Oma stammen – „sei endlich mal ein Mann und sieh dem Tod ins Auge!“ Boah, was für ein Sprachkitsch! Und so eine Lusche wollte mich abmurksen? Hatte ich das verdient? Nein, dachte ich. Es war an der Zeit, etwas zu unternehmen.

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