16.02.2012 –436-

„Lol“, sagte Hermine ganz in der Diktion des Computerzeitalters, und machte das entsprechende Smiley-Gesicht. „Das is ja mal was Charakteristisches, hätte man einem Mann gar nicht zugetraut.“ Ich überhörte das großzügig. Naja, sie hatte nicht ganz Unrecht. Dem sich in blanker Panik erinnernden Karl-Heinz war eine merkwürdige Eigenschaft eines der Überbringer der Zettelchen in den Sinn gekommen. „Also… wir bringen das ja immer an der Pissrinne über die Bühne… und der, der mir die Zettel bringt, der… ich weiß nicht, wie ich das sagen soll…aber… der schüttelt sein Ding nach dem Urinieren immer dreimal und sagt dabei: ‚1,2,3 – das Rohr ist wieder frei‘. Merkwürdig halt.“

Fanden wir auch. Doch was brachte es uns weiter? „Kein Stück“, stellte Oxana fest, nachdem auch sie ausgelollt hatte. „Trotzdem notieren oder besser: im Hinterkopf behalten. Man steht als Mann ja notorisch an Pissrinnen, das gehört zu unserer Biografie wie zu eurer der Austausch von Binden und Lidschatten auf dem Damenklo. Vielleicht läuft mir ja der Bursche mal über den Weg.“

„Das heißt nicht mehr Binden, das heißt Tampons“, stellte Hermine klar und läutete die letzte Getränkerunde ein. „Soll ich euch heimfahren?“ fragte Oxana, „ich hab auch die nächsten Tage frei, Marxer ist ja in Berlin talking with Maybrit, also wenn ihr ne Chauffeuse braucht…“ Wieder lollte Hermine. „Ui, dann müssen wir morgen Abend hier public viewing machen oder wie das heißt. Marxer im Fernsehen, der platzt doch bestimmt.“ Das auf jeden Fall, bestätigte Oxana.

Draußen neben der Wirtshaustür hing ein neues Schild. „Wir weisen unsere Gäste bereits vorsorglich darauf in, dass es während der Liveübertragungen anlässlich der Fußball-Europameisterschaft strikt untersagt ist, für folgende Mannschaften Symphatie zu äußern: Italien, Holland, Spanien, England“. „Hat Mohamad vorhin angebracht“, erklärte Oxana, „seit der Deutscher ist, benimmt er sich auch wie einer. Und du willst wirklich zu Fuß heimgehen? Bei der Kälte?“

Ja, wollte ich. Die Kälte, die Bewegung, das würde mir gut tun. Ich war nicht so pflichtbewusst deutsch wie Mohamad, aber die Aufgabe, für die ich nebenbei fürstlich entlohnt wurde, reizte mich. Das Glück der Bürger. Okay, es sollte ein Abstellgleis sein, ein Versorgungsposten, damit man die Klappe hielt. Aber es könnte auch etwas anderes sein, ein Podium, von dem aus man den Kampf mit anderen, sehr viel eleganteren Mitteln führen konnte. Welchen Kampf? Den um Gerechtigkeit? Wenigstens den um Recht? Diese Fragen wollte ich jetzt nicht beantworten.

Ich spürte die Kälte nicht, ich dachte nach, ich wich Verkehrsschildern und völlig vereisten Mülltonnen aus, ich spürte meine Füße nicht, ich hörte nichts sonst als die debattierenden Stimmen in mir, meine eigene Talkshow, leider ohne Frau Illner, der Herr sei gedankt ohne Herrn Marxer. Tiere im Zoo, so hat man festgestellt, verlieren mit der Zeit ihr natürliches Alarmsystem. Sie brauchen es ja auch nicht mehr. Auch ich hatte keinen Grund, die freie Wildbahn, durch die ich streifte, für etwas anderes zu halten als ein Spielgelände mit Kinderbelustigungen. Niemand war mehr hinter mir her. Die Feinde von Amtswegen hatten mich gekauft – oder glaubten, mich gekauft zu haben – und die anderen bösen Buben waren verschwunden, saßen im Knast oder waren anderweitig ausgeschaltet. Regitz und Co. hatten wir hinter verschlossener Tür im Bergwerk zurückgelassen, gewiss waren sie längst von den Ravern befreit worden. Also? Gefahr? Gab es nicht.

Gab es doch, aber ich bemerkte sie zu spät. Hörte nicht die Schritte hinter mir, die immer näher kamen, näher kommen mussten, denn sonst hätte mir der Mann nicht seinen Unterarm gegen den Kehlkopf drücken, meinen Fortgang abrupt beenden können. Ich fiel ins Kreuz, mir wurde für einen Moment schwarz vor Augen, ich hatte Mühe, mich auf den Beinen zu halten. „Schnauze“, zischte es hinter mir. „Lassen Sie meine Schwester Sonja in Ruhe!“

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