14.02.2012 –434-

Ein Glück, dass Marxer nicht hier war. In dieser heimeligen Hölle des Normalen, wo die windigen Worte auf Bieratem segelten. Was ist Krimi? Das hier NICHT, hätte Marxer kritisiert. Hätte er Unrecht gehabt? Nein. Das hier ist das abrupte Verstummen einer drohenden Melodie, der Geigen in Hitchcocks „Psycho“ vielleicht, dieser Schmalzgrinser André Rieu hat übernommen und fiedelt euch das Sperma durch die Kopfhaut. Aber Marxer war nicht anwesend. Er hatte es vorgezogen, zeitig zu Bett zu gehen, morgen würde er in aller Frühe nach Berlin fliegen, um in Maybrit Illners Talkshow über die Zukunft des Krimigenres zu parlieren.

Eitel Sonnenschein. Mohamad Ndaye und Mirjam, unser fideles Illegal-im-Paradies-Pärchen, jetzt mit druckfrischen deutschen Personalausweisen und bereit zur Zeugung christlich-abendländisch-exportweltmeisterlicher Kinder mit Migrationshintergrund. Strahlten wie diese Lebkuchendinger. Das alles war sehr schnell gegangen, unbürokratisch, die Papiere hatte der Eilbote per Einschreiben mit Rückschein gebracht, dazu eine Broschüre „99 Dinge, die ich besser nicht wissen möchte, wenn ich Neudeutscher bin.“

Die Wirtszwillinge nun stolze Besitzerinnen des gastronomischen Ehrentitels „Offizielle Gaststätte der Bundesregierung – Achtung, wenn der Außenminister zum Mittagessen kommt“, Blechschild folgt, 44 Euro 90 Bearbeitungsgebühr, wird auf Antrag gerne erlassen. Auch hier: Freudestrahlen.

Nur nicht bei mir. Okay, das Fernsehen hatte längst wieder seinen üblichen Trott aufgenommen, trieb Herrn Alzheimers Entdeckung als die neue Mediensau durchs Dorf, ließ die Mittelschicht durch hämisches Betrachten der Unterschicht unterirdisch unterhalten, es gab Fußball und schrille Frauen mit silikonen Brüsten, es gab kein Island, kein Jersey, auch Kleingeld gab es immer noch zu wenig, ein bedauerlicher Engpass. Die Rentnerrunde tagte auch wie gehabt. Hatte mich jovial mit einem „Da kommt ja der Herr Glücksminister!“ begrüßt und sogleich die Ausgabe von Viagra in Altersheimen angeregt, „da kannst nix falsch machen, Chef, von wegen Glück, nur die knackigen Pflegerinnen tun uns jetzt schon leid, har har.“

Ja, schon in Ordnung, werde ich mir notieren. Oxana kam in die Gaststube, sofort forderten die Rentner eine Extraportion Viagra. „Ihr würdet es nicht überleben, Jungs“, kommentierte Oxana knapp und zutreffend. „Was hat man dir eigentlich angeboten?“ fragte ich sie. Oxana wog den Kopf bedenklich. „Noch nichts.“ „Mir auch nichts!“ wetterte Hermine, die uns gerade mit einer Ladung Pils passierte. „Tja“, fuhr Oxana fort, „bei uns Luxusweibern ist ihnen noch nichts eingefallen. Kommt noch. Und du? Machst dir schon verschärft drüber Gedanken, was Glück ist?“

Machte ich mir, war echt so. Irgendwelche Vorschläge? „Glück ist…“, begann Oxana, „wenn du… keine Ahnung.“ Prima, dachte ich. Vielleicht sollte man genau das erst einmal erforschen, wäre doch eine dankbare Aufgabe für mein Chefsekretärin und ein paar Praktikanten. „Du hast Praktikanten?“ „Nö, aber ich wird welche beantragen. Oder studentische Hilfskräfte, so Soziologiestudentinnen.“ „Wag dich“, drohte Hermine, die uns gerade mit der nächsten Ladung Pils passierte. „Wenn ich nur eine von den Schnallen in deiner Nähe seh, kannst was erleben.“ Sie hegte eine unerklärliche Abneigung gegenüber der weiblichen studentischen Jugend, weil, wie sie mir einmal in einer schwachen Minute gebeichtet hatte, ihr erster Freund von einer Vertreterin der abiturbesitzenden Klasse abgeworben worden war. „Dabei hatte der Spacken gerade mal Hauptschulabschluss und ich HASSE es, wenn die gesellschaftlichen Klassen fraternisieren.“

Die Tür ging auf, eine feixende Irmi, warm in Kaninchen gepackt, betrat die mollig warme Gaststube, orderte „einen dreifachen Eierlikör ohne Eis“, setzte sich an unseren Tisch und prustete: „Also nee! Was ich heut hab erleben dürfen! Wollt mir mal hören?“ Wir wollten. Vielleicht Krimi.

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