10.02.2012 –430-

Er hatte aus purer Verzweiflung zum Telefon gegriffen. Privatgespräch. Oh ja, jetzt musste er aufpassen, hinter jeder Säule des Schlosses hockte ein blutrünstiger Journalist und würde ihm einen Strick aus der Verquickung von privaten und dienstlichen Interessen drehen. Na und? Würde man ihn feuern. Das wollte er doch, ja? Nicht mehr hier in diesem Büro sitzen, das vor kurzem noch von Polizei und Staatsanwaltschaft durchsucht worden war. Nicht von einem Vorgesetzten begrüßt werden, der, sobald er auf die Straße ging, von Menschen begrüßt wurde, die ihm ihre Schuhe drohend entgegenschwenkten. Er saß in der Falle. Wie hieß das Ding hier? Bellevue? Französisch. Und noch nie war ein Name sprechender als dieser: Das waren wirklich schöne Aussichten.

Es beruhigte ihn, Oxanas Stimme zu hören. Sie sprachen distanziert, was ihn nicht verwunderte. Er schämte sich, er hoffte, sie werde sein Dilemma verstehen. Oxana jedoch verstand nur, dass dieser Kriesling-Schönefärb sie anrief, um Neues über Sonja Weber zu erfahren. Ja, es gehe ihr den Umständen entsprechend gut. Ja, sie habe sich nach ihm erkundigt. Nein, Oxana wisse nicht, was in jener Nacht, als Kriesling-Schönefärb verschleppt worden war… Sie hörte mitten im Satz auf zu reden. Kleine Pause. Dann: „Und nun? Das mit Moritz weißt du natürlich auch. Steckst du vielleicht sogar dahinter?“ Das kränkte ihn. Er sagte lapidar: „Nein.“ Keine Antwort von der anderen Seite. Er hatte auch ihre Frage noch nicht beantwortet, wie auch. Schritte näherten sich, „ich muss Schluss machen“, sagte Kriesling-Schönefärb und legte auf. Die Tür wurde geöffnet, ein Mann in Livree und langer weißer Lockenperücke streckte den Kopf ins Zimmer, kündigte an: „Er kömmt.“ Kömmt? Ja, sie redeten hier sehr altmodisch. Wessen Idee war es gewesen, Schloss Bellevue zu einer kleinen Ausgabe von Versailles umzugestalten? Mit livrierten Lakaien und dem ganzen staubigen Hofzeremoniell des Sonnenkönigs. Man sollte diesen Leuten sagen, dass genau solches Gehabe einmal die große französische Revolution ausgelöst hatte. Aber interessierte sie nicht. Man musste noch ein paar Jährchen durchhalten, dann würde jeder wieder in sein biederes Reihenhaus in einem biederen Vorort einer biederen Landeshauptstadt zurückkehren, um den Kindern zuzusehen, wie sie auf Tretautos durch den biederen Garten rasten und biedere Rosenstöcke umfuhren.

Der Bundespräsident trat wort- und grußlos ein, setzte sich auf den Besucherstuhl, zog ein damastenes Taschentuch aus der Hose und wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln. „Machen Sie mich glücklich, Kriesling-Schönefärb“, sagte er. Der musste sich das Lachen verkneifen. War doch jetzt der Job von Moritz Klein. Bürger glücklich machen. War der Bundespräsident ein Bürger? Oder war er nur ein Mensch? Einer wie zum Beispiel ein Dönerbudenbesitzer, ein Schneider, ein Gemüsehändler? Kriesling-Schönefärb wusste keine Antwort.

„Eine Sympathiekampagne. Sie können das doch, oder? Sie sind doch der Pressesprecher, oder? Die machen doch solche Sachen, oder? Die schauen doch, dass ihre Chefs gut dastehen in der Presse, oder? Geben Sie sich Mühe, oder.“ Kriesling-Schönefärb wollte ihm nicht sagen, dass hier alle Mühe umsonst sein würde. Er wollte es nicht riskieren, diesen mächtigen Mann weinen zu sehen. „Lecken Sie mich einfach am Arsch“, sagte es aus ihm und sogleich erschrak er über seine Worte. „Und Sie meinen, das kommt in der Bevölkerung gut an? Nun, wenn es denn sein muss.“

Er solle eine Rede halten, sagte Kriesling-Schönefärb ein wenig milder. Er solle irgendeinen Satz sagen. „Hab ich doch schon“, entgegnete der Präsident. „Den mit dem Islam, der… ich glaube zu Deutschland gehört. Oder war es zur EU?“ Der Pressesprecher seufzte. „Sagen Sie halt noch einen. Mein Gott, zwei Sätze, das ist doch nicht zuviel verlangt bei Ihrem Gehalt. Sagen Sie ‚Ich trete zurück‘. Schöner Satz, geht flüssig über die Lippen. Da ist nicht einmal ein Komma drin.“

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s