08.02.2012 –428-

„Nein“, sagte Hermine. Dabei hatte ich gar nichts gefragt, verlangt oder vorgeschlagen. Wir saßen gemütlich im halbdunklen Wohnzimmer und ließen es draußen immer dunkler werden. Wir hielten Händchen, wir waren schläfrig. „Nein“, sagte sie noch einmal, fester, endgültiger. „Hä?“ fragte ich und Hermine sagte zum dritten Male: „Nein.“

„Es ist doch so“, führte sie aus, „man kann einfach generell NEIN zu allem sagen. Genau das tue ich. Ich sage NEIN zu allem: Zu diesen ganzen Wohltaten, die sie gerade über uns schütten – das heißt: über MICH ja nicht! Mir hat noch niemand irgend etwas angeboten, nicht einmal Filialleiterin bei Schlecker oder dem, was nach Schlecker kommt. Bisher wurden nur Männer beglückt. Du, Borsig und… weißt du schon, dass Marxer morgen bei Maybrit Illner in der Talkshow sitzt? Zufall?“ Ich stöhnte auf. Auch das noch. Das würde den Kerl definitiv auf Wolke Sieben heben, dorthin, wo die Dichter sitzen und dichten, weil sie sich für das Gewissen und den Lehrmeister der Nation halten. Aber egal. Konnte man nicht ändern. Hermine hatte natürlich recht.

„Und ich sage zu alledem NEIN“, führte sie weiter aus, „weil ich einfach denke… wir sollten eben NEIN sagen. Machen andere doch auch! Die in Stuttgart! Die von dieser Occupy-Bewegung! Und und und.“ Ich nickte. Ja, wir sollten Nein sagen. „Interessant“, sagte ich, „was da gerade passiert. Eine Entkriminalisierung der Gesellschaft, gewissermaßen. Sie funktioniert nach dem Belohnungssystem, was sich übrigens bei der Tierdressur bewährt hat. Wenn du willst, dass dein Hund dir Pfötchen gibt und die Fresse hält, dann reich ihm ein Leckerli. Schläge und verbale Drohungen bewirken immer das Gegenteil, sie machen aggressiv. Genau das hat man ja auch bei uns versucht. Drohungen, Angriffe, Morde. Hat nichts gebracht. Also hat man sich besonnen und versucht es nun mit Belohnungen.“

„Hm, und wieso Entkriminalisierung?“ „Weil dadurch die Verbrehen der Vergangenheit quasi ungeschehen gemacht werden sollen. Was sind Verbrechen? Verbrechen sind Taten, um die sich die Justiz kümmert. Damit das passieren kann, muss es Menschen geben, die solche Taten der Justiz anzeigen. Siehe diese Naziterrorbande. Zehn Morde, mindestens. Da man aber keine Zusammenhänge entdecken konnte – oder wollte? -, blieben die Mörder jahrelang ungeschoren, die Taten folglich ungeklärt. Haben wir jetzt auch wieder. Es sind Menschen ermordet worden, aber man sieht die Zusammenhänge nicht. Wenn man die Zusammenhänge nicht erkennt, wird man auch die Hintergründe nicht aufklären, die Täter nicht fassen können. Logisch, oder?“

Hermine antwortete nicht. Wir saßen nebeneinander, hielten Händchen und warteten darauf, dass es völlig dunkel werden würde. Die Kids waren aus dem Haus, es war still. Zu still. Wir dachten nach. „Und was jetzt?“ fragte Hermine schließlich. Ich wusste es selbstverständlich nicht. „Wir warten ab“, antwortete ich wenig ergiebig, „man sehen, was Borsig mit diesem pädophilen Karnevalsprinzen anstellt.“ Hermine kicherte. „Au ja, da wäre ich gerne mit dabei. Wie ich die Künstlerinnen kenne, treiben sie dem Burschen die jungen Mädchen ein für allemal aus.“

„So“, sagte sie nach weiteren zehn schweigsamen Minuten und stand auf. „Ich hab ja noch nen Brotjob. Willste mit oder ist die ‚Bauernschenke‘ jetzt unter deinem gesellschaftlichen Niveau, Herr Bundesbeauftragter für Bürgerdingsbums?“ Hm, eigentlich hatte sie recht. Meine neuen Pflichten rieten mir auch, noch einmal ins Büro zu gehen und mit der dort vielleicht noch anwesenden Annamaria Kainfeld die Geschäftsobliegenheiten der nächsten Tage abzuklären. Mein Gott, wie ich schon dachte!

„Also?“ Hermine zog sich die Schuhe an. Ich erhob mich ebenfalls. „Geh schon mal vor, ich komm dann nach. Muss noch mal ins Büro.“ „Aha“, sagte Hermine. „Annamarie? Pass auf, dass du unbeschädigt bleibst. Ein Mann ohne funktionierende Fortpflanzungswerkzeuge ist in etwa so brauchbar wie ein Kugelschreiber ohne Mine.“ Ich versprach es ihr.

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