07.02.2012 –427-

Schrott. Das ganze Leben ist Schrott. Wir stellen Dinge her, um ihnen dabei zuzusehen, wie sie zu Schrott werden, damit wir sie durch neue Dinge ersetzen können. Es gibt nur drei Dinge, die mit den Jahren besser werden: Wein, Männer und alte Möbel. Aber selbst dort: nicht jeder Wein, nicht jeder Mann, nicht jedes Möbel. Der Rest wird zu Schrott und geht den Weg allen Schrotts.

Nicht dass Karl-Heinz, als er seinen Wagen in die Parklücke lenkte, sich solche Gedanken gemacht hätte. Dazu war sein Gehirn nicht geschaffen, außerdem war es zu alt, also längst Schrott. Aber er hätte diese Weisheiten abgenickt. Er wusste, wovon gesprochen wurde, er war Schrotthändler, der einzige realistische und ehrliche Berufsstand, vom Krimiautor natürlich abgesehen. Karl-Heinz pfiff munter vor sich hin. Keine Karnevalsmelodie, um Himmelswillen! Einen aktuellen Hit, der ihm die Karnevalsmelodien aus dem Kopf vertreiben sollte. Er hatte heute Morgen zusammen mit seiner Prinzessin noch beim „närrischen Frühschoppen des mittelständischen Vereinigung des korkverarbeitenden Gewerbes“ agiert, das heißt: dauernd „Helau!“ ausgerufen, mit den Armen und Händen gewackelt, sein Schmierlächeln auf den Lippen. Bianca, seine Prinzessin, im großzügig ausgeschnittenen Gewand, das Zahnpastagrinsen im Gesicht. Sie stank. Schweiß und Parfüm, Dummheit und Geldgeilheit.

„Ich muss mal aufs Klo“, hatte sie ihm ins Ohr geflüstert. Früher wäre er mitgegangen, schnelle Nummer. Jetzt sagte er nur: „Na und? Soll ich dich hintragen oder was?“ Er dachte schon an den Nachmittag. Er freute sich darauf. Er schwebte in Gedanken auf einer ganz bestimmten Wolke. Bianca ging aufs Klo und brauchte zwanzig Minuten. Sie stank jetzt noch mehr. Sie stank nach Sex. Irgendwann musste er selbst, der Prinz, aufs Klo. Er musste nicht, weil er musste, sondern weil das so auf dem Zettel gestanden hatte: „Gehen Sie Punkt 11 Uhr aufs Klo. Stellen Sie sich vor das zweite Becken an der Pissrinne. Pinkeln Sie langsam.“ Er tat wie geheißen, es blieb ihm nichts anderes übrig. Zweites Becken, langsam pinkeln. Weiß eigentlich jemand, wie schwer es ist, langsam zu pinkeln? Eine Kunst. In seinem Körper rotierte genug Flüssigkeit, Flüssigkeit mit hohem Alkoholgehalt. Er wankte. Er schwebte. Er tanzte innerlich. Dann ging die Klotür auf, ein Mann trat ein, stellte sich neben Karl-Heinz, öffnete den Hosenschlitz und begann zu pinkeln. Unendlich langsam.

Sie verschlossen ihre Hosenschlitze zur gleichen Zeit. Sie gingen in den Vorraum, zum Waschbecken. Karl-Heinz ließ dem anderen den Vortritt. Der wusch sich die Hände mit Wasser und Seife, trocknete sie ab, drehte sich um. Griff in seine Jackentasche, nahm etwas heraus – ein Stück Papier – und hielt es Karl-Heinz entgegen. Karl-Heinz wich dem Blick des Mannes aus, er wollte ihn gar nicht angucken, er wollte es einfach nicht wissen, zu viel wissen, das konnte schädlich werden. Er nahm das Papier, nickte angedeutet und steckte das Papier in die Hosentasche. Dann wusch er sich die Hände mit Wasser und Seife. Trocknete sie ab. Der Mann hatte das Klo längst verlassen.

Karl-Heinz stellte den Motor ab und hörte auf, die Melodie zu pfeifen. Er blieb ein paar Augenblicke sitzen, atmete schwer aus und lauschte der Stille. Sammelte sich, fing sich. Gleich. Gleich! Endlich einmal kein Schrott! Sondern das blühende, nackte Leben! Jetzt nicht daran denken, dass auch daraus einmal Schrott wurde. Alte, keifende Frauen nämlich, er besaß ein solches Exemplar zu Hause, auch sie war einmal ein junges, knospendes Mädchen gewesen, so jedenfalls behauptete sie immer. Konnte sein. War aber schon elend lange her. Jetzt war sie – Schrott.

Karl-Heinz stieg aus. Der Zettel. Er hatte ihn noch immer in der Hosentasche, er würde ihn heute Abend auf dieser hirnrissigen Prunksitzung der „Freunde des gesprochenen Wortes“ loswerden. Ihn graute vor dem Gedanken an drei Stunden Karnevalslieder. Er verdrängte ihn sofort. Federn. Er musste federn. Schweben, fliegen, gleiten.Das Leben war so leicht, wenn es nichts mit Schrott zu tun hatte.

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