06.02.2012 –426-

Nun denn. Als ich meine Sekretärin, die mir in den Schoß gefallen war, wenn auch nur im übertragenen Sinne, verließ, hellte meine Stimmung allmählich auf. Hatte ich irgendetwas unterschrieben, irgendetwas versprochen? Jemand hatte mich in ein offizielles Amt gehoben, es existierte ein Türschild – aber wie das so ist mit existierenden Türschildern, das wusste ich ja. Schall und Rauch und jede Menge Ärger. Als ich um die Ecke bog und der Fassade jenes Hauses ansichtig wurde, in dem sich mein trautes Heim befand, blieb ich sofort stehen und drehte mich instinktiv um die Hälfte meiner eigenen Achse. Ein Kamerawagen des Fernsehens, zwei Typen, die vor dem Haus standen, hochblickten. Nein, das würde ich mir jetzt nicht antun. Also Flucht.

Richtung Hermine. Die öffnete mir ohne ein Wort zu sagen. Gab den Weg nicht frei, ich musste mich an ihr vorbeischieben, was sie immerhin zuließ. In die Küche. Hinsetzen, schauen, ob Kaffee da war. Natürlich nicht. Eine Zigarette anzünden. Aschenbecher? Auch keiner. Hermine tat so, als spüle sie Geschirr. Es lag keins in der Ablage. „Du bist irritiert“, begann ich das Gespräch, „kann ich verstehen. Ich bins ja selber.“ Hermine drehte sich um und sah mich lange an, viel zu lange. Sie wollte etwas sagen, ich schnitt ihr das Wort ab. „Sag jetzt nichts. Hör einfach zu. Okay?“ Sie nickte. Ich sprach weiter. Ich erklärte ihr alles, sogar das mit meinem neuen Büro und meiner neuen Sekretärin.

„Mir hat kein Schwein was angeboten.“ Hermine sagte es mit einer Mischung aus Bedauern und Ironie. „Kommt noch“, tröstete ich sie. „Vielleicht bekommst du eine eigene Fernsehshow.“ „Verarsch mich nicht“, sagte Hermine. „Außerdem ist Marxer schon bei Maybrit Illner. Oxana hats mir gerade erzählt, wir haben telefoniert. Völlig von der Rolle, der Bursche.“ „Und Borsig hat eine Würstchenbude gekriegt und Kriesling-Schönefärb ist…“ „Weiß ich doch“, winkte Hermine ab. „Sie setzen auf die Käuflichkeit der Menschen – und das ist weiß Gott nicht das Riskanteste, was man tun kann. Sicherer als griechische Staatsanleihen allemal.“

Ich würde mich nicht kaufen lassen. Hermine hatte angefangen, Kaffee zu kochen, ein sehr gutes Zeichen. In der Küche war es mollig warm, ein Aschenbecher war inzwischen auch aufgetaucht, perfektes Dasein. Was machte ich gerade? Ich irrte umher. Ich versteckte mich, ich wich allem aus, ich war passiv. So wollten sie mich haben. Also musste ich das ändern. Aktiv werden. Was war ich? Bundesbeauftragter für das Bürgerglück. Was machte man in diesem Job? Die Bürger glücklich. Wie? Das genau war die Frage. Ich würde mich dranmachen, sie zu beantworten.

Jonas und Laura und Katharina gesellten sich zu uns. Sie steckten noch in ihren Schlafanzügen, war eine lange Nacht in der Spielhalle gewesen. „Ahoi, Bundesbeauftragter“, begrüßte mich Jonas, „nur mal so zur Info: Ab sofort beträgt der Tarif 200 Euro, du weißt schon für was. Von einem Beamten nehm ich grundsätzlich mehr.“ Ich nickte es ab. Sollst du haben, mein Sohn. Ich überlegte. Mit was könnte man jemanden wie Jonas glücklich machen? Mit einem xbeliebigen Jackpot und unbegrenztem Spieletat. Aber das war viel zu einfach, darum ging es ja nicht. Es ging nicht um Materielles, es ging um GLÜCK. Um einen Geistes- und Seelenzustand, um eine gehobene Ausschüttung von Glückshormonen, um die Abwesenheit von Sehnsüchten und Wünschen. Tatsächlich? Bedeutete Glück, keine Wünsche mehr zu haben? Oder gehörten Wünsche, gehörten Ziele, gehörte vielleicht gar das Unerreichbare zum Glück dazu?

„Glück?“ Jonas stutzte. „Also wenn ich endlich mal die Schule hinter mir hab, das wäre schon ziemlich viel Glück. Und Laura und ich heiraten und haben ganz viele Kinder und die sind alle brav und hängen nicht in Spielsalons ab und haben erst mit 14 Sex.“ Laura errötete, Katharine giggelte. Wir tranken Kaffee. Hermine setzte sich an den Tisch, dachte nach, das sah man. „Glück? Das wäre… Wenn man sich nicht überlegen müsste, was Glück eigentlich ist. Weil man das Wort gar nicht kennt. Über Glück denkst du erst nach, wenn du es nicht hast.“ Kluges Mädchen.

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