05.02.2012 –425-

Das waren die essentiellen Dinge des Lebens. Eine Würstchenbude als solide Basis ehrlichen Broterwerbs, eine voluminöse Geliebte, deren Körpergewicht das doppelte des eigenen war, schwer intellektuelle Gespräche über Kunst, Politik, Ökonomie und sonstige sexuelle Praktiken. Borsig ging es prima. Nein, präzisiere: Borsig hätte es prima gehen können.

Aber er war, oh Wunder, ein denkender Mensch. Die Sache mit der Würstchenbude, nur mal so als Beispiel. Sie sollte ihn mundtot machen, er sollte dem perfiden Plan der Geldabschaffung nicht länger im Wege stehen. Doch sägte er damit nicht am Ast, auf dem er saß? Was brachte ihm eine Würstchenbude, wenn es kein Geld mehr gab? Im bunten Bademantel (mit einem Kunstdruck, ein Gemälde von Dali, das Ding mit der Giraffe natürlich) saß er rauchend in einer Ecke des Ateliers und sinnierte. Seit geraumer Zeit war sein Leben nicht mehr der Krimi, der es hätte sein sollen. Kein Bösewichte bedrohten ihn, im Gegenteil, sie schissen ihn mit Wohltätigkeit zu. Kein Mord mehr. Alles löste sich in Wohlgefallen auf. Wenn man das lesen würde – man würde es entrüstet, gelangweilt zuklappen und Richtung Mülleimer expedieren. Nur – Borsig sinnierte weiter – das konnte auch bedeuten, dass sich das Kriminelle längst im Alltäglichen verkrümelt hatte, dort Unterschlupf fand oder, Höhepunkt des Grübelns, dieses Alltägliche WAR, es gewissermaßen erst schuf und am Laufen hielt. Das Leben, summa, war kriminell, weil es kriminell sein musste, weil jede Gesellschaft in ihren Alltäglichkeiten schon auf organisierter Kriminalität fußt.

Das wurde ihm alles zu hoch. Borsig nahm sich vor, mit Irmi über das Thema zu sprechen, einen welterfahrenen und intellektuell ausgebildeten Frau, die, pünktlich wie sie nun einmal war, gleich erscheinen würde. „Na klar mach ich da mit!“ Sie war begeistert gewesen. Gute Idee! Etwas krass, aber mein Gott, das Leben war nun einmal noch krasser. Ihren Patienten und Logiergast Konrad war Irmi sehr überraschend und abrupt losgeworden. „Ich dachte schon, der will gar nicht mehr abhauen. Wenn ich auch nur mal erwähnt hab, er wär doch eigentlich wieder gesund, kam prompt der ‚Rückfall‘. Und dann plötzlich hör ich ihn telefonieren und dann aufstehen, als wär er ein junges Reh, und er springt in seine Klamotten, reißt die Tür auf, pehst an mir vorbei, sagt gerademal noch Servus und ist über alle Berge. Nicht dass ich traurig drüber wäre. Aber bisschen komisch, oder?“

Borsig machte sich fein. Seine beste Jeans, sein bester Pulli. Er putzte sich die Zähne, er putzte den Rest seines Körpers gleich mit. Nancy war einkaufen, ihre Kolleginnen, die ebenso mächtigen Ester Grosmanovsky und Karla Smirnowa, befanden sich im Anmarsch. „Hallo?“ Aha, das war Irmi.

Wir wissen nicht, ob der Schöpfer dieses Machwerks in seiner unendlichen Schludrigkeit Irmi bereits in das Atelier der Großkünstlerin Nancy Halgrimsdottir eingeführt hat. Jedenfalls tat sie jetzt so, als betrete sie die Räumlichkeiten zum ersten Mal. Und staunte. „Klar, Kunst ist was Gutes. Solln das da sein?“ Borsig räusperte sich und schaute auf den Schrotthaufen, der wie ein nackter Baum aussah, mit Schweißbändern geschmückt. „Falsche Frage“, dozierte er. „In der modernen Kunst geht es nicht um das Sinnhafte des Konkreten, es geht vielmehr um das Konkrete des Sinnhaften. „Tja“, sagte Irmi, „so wollte ich das auch immer schon ausdrücken. Ich sag auch nicht, dass mir das nicht gefällt. Im Gegenteil. Doch, hat was. Nur: was?“
Verlorene Generation, dachte Borsig mitleidig. Konnte man ja verstehen. Menschen wie Irmi hatten früher mit ihrer sexuellen Befreiung und dem Vietnamkrieg alle Hände voll zu tun gehabt, dazu mussten sie auch noch Herbert Marcuse lesen, ihnen war also nichts erspart geblieben. Da konnte Kunst, wenn überhaupt, nur am Katzentisch Platz nehmen und bestand aus einem Che-Poster und einem Zappa-auf-dem-Klo-Poster. Und dem Peace-Zeichen, allenfalls. „Hallo?“ Das waren Ester und Karla. Prima. Jetzt noch Nancy und Karl-Heinz und die Sache konnte losgehen.

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