04.02.2012 –424-

Maybrit Illner. Marxer formte die vier Silben mit ungläubigen Lippen (Schöner Titel! Notieren!). Er legte das Schreiben mit zitternder Hand (Doofer Titel! Vergessen!) auf den Tisch und schluckte mehrmals einen imaginären Frosch speiseröhrenabwärts. „Leck mich am Arsch!“ bellte der Prolet in ihm. Und der Feingeist in ihm dachte: Maybrit Illner. Sie hatten ihn in ihre Talkshow eingeladen. Thema: „Tote Taten Tatütata – Ist der Krimi noch zeitgemäß?“ Marxer las noch einmal die Namen der mit ihm eingeladenen Gäste: Freiherr zu Guttenberg, Martin Walser, Nele Neuhaus, Dirk Niebel. Natürlich auch Altkanzler Schmidt, aber der wurde gar nicht erwähnt, der kam immer, eine rauchen.

Opfer, dachte Marxer und lachte in sich herein und aus sich hinaus. Blutige (haha!) Amateure, die keine Ahnung von CRIME hatten, denen ER, Marxer, die Argumente mit einer solch intellektuellen Wucht entgegenschleudern würde, dass die Zigarette des Altkanzlers ausginge und des Freiherren Haupthaar in Ermangelung einer Portion Gel wie in einer Sturmböe zersaust werden würde. Der Krimi, meine sehr verehrte Frau Illner – sollte er sie ab Sendeminute 15 vielleicht gar Maybrit nennen? – der Krimi ist ein Gesellschaftsroman, nein, er ist DER Gesellschaftsroman! Und SIE, Herr Walser, sind nichts weiter als ein Krimidilettant, ich muss das jetzt in dieser Schärfe sagen, Sie haben ja auch etwas dagegen, dass die Banke verstaatlicht werden und der kleine Mann mal wieder die Zeche zahlen muss – tosender Applaus erhebt sich von den Rängen – also BITTE schweigen Sie auch ganz still zum KRIMI!

Maybrit Illner würde ihn bewundernd ansehen, ihre Blicke würden sich treffen – Marxer wurde es mulmig, sein Unterbauch rebellierte, er stand auf und ging aufs Klo. Okay, Niebel wäre eine härtere Nuss. Der Mann war als Politiker notorisch lernresistent, er hatte ein Tonband eingebaut, er sagte nur „FDP“ und „Wir sind eine tolle Partei“. Er hatte von Krimis keine Ahnung, obwohl er problemlos in einem mitspielen könnte – NICHT als einer der Guten. Aber auch diesen Burschen würde er zur Strecke bringen, nur den Altkanzler schonen, der immer an die Hamburger Flutkatastrophe von Neunzehnhundertdunnemals erinnern würde und wie er damals…

Verdammt! Was würde er anziehen? Wie kleidete man sich für eine populäre Talkshow? Es war Marxers erste, er war überhaupt nur zweimal im Fernsehen gewesen, einmal, als ihn eine Tussie mit Kamera auf der Straße angehauen und zu seiner Meinung über Schokoriegel befragt hatte, dann wieder als Gast eines regionalen Senders, wo er sein neues Buch in die Kamera halten durfte, ein Buch namens „Die Blutsbrüder von Barmbeck“, das der Moderator unverdrossen als „Die Bluesbrothers von Brooklyn“ vorstellte. Arschloch. Aber jetzt: endlich. Endlich: Maybrit! Die allereinzige, ach was, die allereinzigste Talkshowmoderatorin, alle anderen untalentierte Schnarcher und Stichwortgeber. Und dann so ein tolles Thema, wie für ihn geschaffen!

Aber, noch einmal, was anziehen? Seriös in Anzug und Krawatte, libertinär im schwarzen Rolli, existentialistisch im Hawaiihemd? Oxana. Oxana musste ihn beraten, Oxana kannte sich aus. „Oxana!“ Er schrie es, er bellte es – er bekam keine Antwort. Er fegte durch die Räume, er schaute in die Betten und darunter: nichts. Nur Sonja Weber und die schlief. Unverschämtheit. Egal. Maybrit. Er würde Maybrit kennenlernen. Die hatte ihren Telecomscheich doch auch in der Talkshow kennengelernt? Was hatte der, was Marxer nicht hatte? Mehr Internetanschlüsse, haha. Marxer wurde euphorisch. Stilberatung. Genau, er brauchte professionelle Stilberatung! Das war jetzt das Allerwichtigste, viel wichtiger als diese ganze periphere Quatsch mit dem Staatskomplott, der Geldlosigkeit, den Morden, dieser schnöden REALPOLITIK. Branchenverzeichnis. Stilberatung. Er würde zum Friseur müssen. Nicht nur oben, auch unten, die Intimfrisur war inzwischen zu einem MUST HAVE geworden, zu einem entscheidenden modischen Accessoire. Das war die essentiellen Dinge des Lebens.

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