02.02.2012 –422-

Genug, genug, genug! Ich wollte nicht mehr ziellos durch die Gegend fahren, ich wollte mir nicht vorhalten lassen, ein unmoralischer Mensch zu sein. Claudia, die ich ab sofort nicht mehr Claudimausi nennen würde, stand wieder an ihrer Kaffeemaschine, das Café hatte sich gefüllt, es war Mittag, Menschen aus Büros, Menschen auf den Zug wartend, Menschen von Zügen kommend. Ich nickte Claudia zu, ich ging, einen Geldschein auf dem Tisch zurücklassend.

Heimwärts trotten, immer schneller, am Ende rannte ich fast. Mir war danach, die Tür hinter mir zu verriegeln, sämtliche Telefone aus dem Fenster zu werfen, die Gardinen vorzuziehen, mich in absoluter Dunkelheit, in absolutem Nichts… mir fiel ein, dass ich keine Gardinen besaß, ich verwarf den Plan umgehend.

Immer noch kein Schild an der Hauswand. Immerhin. Böser Traum? Alles schon wieder vorbei? Die Treppen hoch, keuchend. Den Schlüssel aus der Hosentasche angeln. Da stand sie. Wie einst Sonja Weber vor meiner Tür gestanden hatte, aber das hier war nicht Sonja Weber. Eine jüngere Frau, modisch gekleidet, um nicht zu sagen: nuttig, obwohl das ungerecht war. Sie trug schöne Klamotten, warum sollte sie nicht, sie konnte das tragen – und warum hätte sie es auch nicht tragen sollen, selbst wenn sie es nicht hätte tragen können, das war der Blick des Mannes, der Blick des Zeugungswilligen, der die Welt am Laufen hält, indem er seinem verfluchtesten Instinkt folgt.

Sie war blond, sie hatte Kurven, sie hatte lange Beine, einen sinnlichen Mund, ein Grübchen links neben der Oberlippe, sie kaute Kaugummi, sie balancierte souverän auf High Heels, sie trug einen schwarzen engen Rock unter einem weißen, offenen Mantel, sie war ein Abziehbildchen wie geschaffen für einen sabbernden Greis. Sie sagte: „Ach hallo, sind Sie Herr Klein?“, sie kannte die Antwort, ich ersparte uns die Peinlichkeit des „Ja“, ich nickte nicht einmal, aber sie nickte und sagte: „Ich bin Annamaria Kainfeld, ich bin ihre neue Sekretärin. Auf gute Zusammenarbeit.“

Ich ließ sie in die Wohnung, was hätte ich anderes tun sollen. Sie sah sich um und war not amused. Bundesbeauftragter für das Bürgerglück. Wie stellte sich der das Glück vor? War so zu wohnen für den Glück? Wollte er alle zwingen, es ihm gleichzutun? „Gemütlich haben Sie es hier“, log sie. Setzte sich auf den Stuhl, schlug ihre Beine übereinander. Dünne schwarze Strumpfhose, führe mich nicht in Versuchung, Gott des Fleisches und der Lust, Teufel des Triebes und der Gedankenlosigkeit.

„Aha“, sagte ich, warum auch immer. Einfach nur „aha“. Sie antwortete: „Genau.“ Ich sagte: „Tja“, sie: „Da wären wir nun.“ Ich sagte gar nichts, sie sagte: „Ich soll Ihnen den Büroschlüssel geben.“ Sie gab mir den Büroschlüssel. Ich fragte: „Welches Büro?“ Sie antwortete: „Das Büro in der Severingasse.“ Die Severingasse lag um die Ecke. „Nummer 13“, präzisierte sie. Ich kannte das Haus. Recht vornehm, aber nicht protzig. Hohe Wände, hohe Heizkosten. „Die haben das schon eingerichtet“, sagte sie, „ich war vorhin dort, sieht gut aus. Zwei Zimmer.“

Wer sie geschickt habe. „So ein Personaldienstleister, ich bin da gemeldet, Assistentin der Geschäftsführung, also Sekretärin.“ „Aha“, sagte ich wieder, sie: „Ja.“ Und weiter: „Das kam überraschend, also nicht dass ich chancenlos auf dem Arbeitsmarkt wäre, aber…“ „Aber?“ fragte ich, sie lächelte verlegen. „Es ist nur… die Chefs…Sie wissen schon. Sobald ich irgendwo anfange, es dauert keine drei Tage – ach was sage ich, es dauert keine drei Stunden, da hab ich schon eine Chefhand auf dem Knie – wenn ich Glück hab. Wenn ich Pech hab, hab ich sie unterm Rock und letztens hat mich der Chef schon nach 45 Minuten auf den Kopierer gewuchtet. Ich glaube, er ist jetzt krankgeschrieben, bis die Hodenschwellung abgeklungen ist.“

Bravo, dachte ich und nahm mir vor, niemals gemeinsam mit Annamarie Kainfeld einen Kopierraum zu betreten.

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