01.02.2012 –421-

Ich hatte Glück und entdeckte mein Konterfei nicht in der Lokalzeitung. Dafür lachte mich das Foto Kriesling-Schönefärbs an, des neuen Pressesprechers des Bundespräsidenten, womit auch dessen Schicksal – das Kriesling-Schönefärbs, nicht das des Bundespräsers – endgültig geklärt war. Wenigstens noch am Leben, dachte ich, obwohl ich mir keinen Menschen vorstellen konnte, der ein solches Leben führen möchte. Wie immer las ich unsere Lokalzeitung binnen einer hastig aufgesogenen Zigarette und entsorgte das Papier in einem dafür vorgesehenen Behälter neben all dem anderen Abfall. Der eine wird Pressesprecher, der andere Bundesbeauftragter für das Bürgerglück, ein Dritter kommt in den Besitz einer Würstchenbude. Und weiter? Das war jetzt spannend. Was hatte man den anderen angeboten, womit bestach man sie?

Zurück in der Straßenbahn, zurück im optischen und akustischen Kirmesland. Nur das Wetter änderte sich, der Himmel trübte ein zum bleichen Grau, Schneegrau, dem es von Westen her dunkle Nichtfarbe ins Angesicht trieb.

Am Hauptbahnhof war wieder Endstation. Wie lange war ich unterwegs gewesen? Lange genug, um hungrig zu sein. Ich drückte mich durch das Reisegemensch, wich den ausgerotzten Halbsätzen, den aus stumpfen Augen katapultierten Blicken aus, kaufte mir ein belegtes Brötchen, biss hinein, kaute im Gehen, betrat so, warum auch immer, die benachbarte Kaffeebar, wo Claudimausi hinter der Theke stand und mein Erscheinen mit jener Verzückung begrüßte, mit der sie einen dünnen Weberknecht bedacht hätte, der lässig und langbeinig über die Küchenwand marschiert. Sie kam nicht an meinen Tisch, sie stellte keine Fragen, sie nahm eine Tasse und füllte sie, zögerte eine Sekunde, nahm noch eine Tasse, füllte auch diese. Nahm beide und trug sie zu mir hin. Ich war der einzige Gast.

„Na, Sie haben’s ja geschafft.“ Auch Claudimausi guckte Frühstücksfernsehen. Sie stellte eine Tasse vor mich, die andere behielt sie in der Hand und setzte sich. „Ja“, sagte ich. „Sehr glücklich sehen Sie aber nicht aus“, sagte sie. „Ich muss mit gutem Beispiel vorangehen“; erklärte ich. „Zuerst mache ich mich glücklich und dann den Rest der Republik.“  Die Frau sah mich an, lächelte und nickte. „Sie haben sich kaufen lassen und jetzt haben Sie den Moralischen, stimmts?“ Nein, nicht ganz. „Der Kaufvertrag ist gegen mein Wissen und Wollen abgeschlossen worden. Ich habe noch nicht unterschrieben.“

Einen Moment lang wälzte ich den aberwitzigen Gedanken, die Frau zur Mitwisserin der ganzen Geschichte zu machen, sie damit auf die Liste der mit beruflichen, geldwerten Vorteilen bedachten Personen zu setzen. Bundesbeauftragter für Bürgerglück eben, der aus einer gnadenlos der Plattfüßigkeit zustrebenden Claudimausi eine Claudia mit eigenem Etablissement macht, denn wenn schon Borsig zum Imbiss-Unternehmer aufstieg, dann Claudimausi auch zur Kaffeehaus-Besitzerin.

Sie schien meine Gedanken erraten zu haben. „Nee, ich will gar nicht alle Hintergründe wissen. Ich mag mein Leben langweilig und gemütlich, ich kann mir nur Malle und Sangria mit Strohhalm leisten und Standardsex mit Typen, die mich nicht allzu sehr anekeln. Soll auch so bleiben. Ich stell mir nur den Günther da hinten aufm Klo vor, wie er dalag und tot war und einer is schuld oder mehrere und die kaufen sich alles und jeden.“

Den armen Günther stellte ich mir auch gerade vor. Und all die anderen mehr oder weniger Armen, die schon gestorben waren, ganz zu schweigen von denen, die noch sterben würden. „Tja“, sagte Claudia. Sie hatte ihren Kaffee ausgetrunken, sah zur Tür hin, vor der ein junges Pärchen zagend die Preisliste studierte und dann weiterging. „Und werden Sie unterschreiben?“

Ich trank meinen Kaffee aus. Ich schaute ebenfalls zur Tür, wo niemand stand. „Ich unterschreibe generell nichts“, sagte ich. „Höchstens meinen eigenen Totenschein.“

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