31.01.2012 –420-

Mit einem gefakten Firmenschild hatte alles angefangen und mit einem gefakten Firmenschild würde alles enden. Das eine hatte mich zum Detektiv wider Willen werden lassen, das andere würde mich zum zahn- und ehrenlosen Schergen der Willkür machen, einem wohlbestallten Sesselfurzer mit Pensionsanspruch, der sein Gewissen morgens beim Rasieren wie zufällig im Badezimmer liegen lässt. Als ich aus der Haustür trat, warf ich einen raschen Blick an die Wand, doch dort hing noch nichts, was nicht vorher schon dagewesen war. „Moritz Klein, Bundesbeauftragter für Bürgerglück, Sprechstunden nach Vereinbarung“ – das Schildchen war wohl noch in der Mache.

Ich musste laufen. Untertauchen in der grauen Masse Mensch, aus der man mich ans grelle Licht der Popularität zu zerren gedachte. „Mach dir keinen Kopp“, hatte Borsig zum Abschied gerate, „wir bleiben trotzdem die Alten und lassen uns nicht kaufen. Das nennt man subversiv, oder?“

Vielleicht hatte er recht. „Den Karl-Heiz, die Sau, den krall ich mir auf jeden Fall. Der steigt kleinen Mädchen nach, da hab ich mir gedacht, konfrontierst ihn mal mit ein paar besonders großen Mädchen.“ Heute Mittag sollte „das Ding“ über die Bühne gehen, Borsig freute sich darauf wie ein Kleinkind auf die Mutterbrust.

Nachdem er gegangen war, klingelte das Telefon. Unbekannte Nummer, ich ging nicht dran. Drei Minuten später klingelte es erneut, wieder unbekannte Nummer, eine andere als die erste, ich ging nicht dran. Das wiederholte sich ein Dutzend Mal, ich zählte mit. Und ging nicht dran.

Ich ging spazieren. Schwang mich spontan auf die Straßenbahn, ließ mich kreuz und quer durch die Stadt kutschieren, die Augen dumpf in der vorbeigezogenen Kulisse, alles Theater-Pappmaché, die Ohren in den Wörtern meiner Mitfahrer. Ein bunter Strauß gereizter Leck-mich-am-Arsch-Kommunikation, Fetzen, aus dem Drama des Alltags gerissen und in den Wind geworfen. „Jetzt gibt’s kein Kleingeld mehr, schon mitgekriegt? Das schicken die wohl alles runter nach Griechenland zu diesen Faulenzern.“ „Der Gottschalk soll ma Abgang machen, also das tu ich mir nich mehr lang an, der hat doch Kohle genug, stimmts oder hab ich…“ „Was heißt hier RECHTER TERROR! Und die Linke ist im Parlament, das ganze Kommunistenpack! DIE sollte mal der Verfassungsschutz…“ „Wenn Götze nicht spielt, dann adé BVB!“ „Pattaya is geil, aber die Nutten werden immer älter.“ „Ja Mamma, ich sitz grad in der Straßenbahn. Nein, Mamma, ich vergess den Hüttenkäse nicht.“ „Ey Alda! Du bis‘ doch der von dem wo das Pic im Frühstücksfernseh, ne? Darf ich ma Handyfoto für die Bildzeitung machen?“

Ein höchstens Dreizehnjähriger mit Skaterfrisur. Hockte mir gegenüber, hatte sein Handy vor den Augen. „Ey wie geil is DAS denn! Machst auch Dschungelcamp?“ Ein Blitz. „Hast FB, Alda? Dann kannst mir ja Freundschaft machen, bin der Jerome Schröder.“

Sollte ich dem Knirps eine runterhauen? Ihn zwingen, mir den Film aus seinem Handy zu geben, damit ich ihn aufessen konnte? Ich seufzte nur und widmete mich wieder der Außenwelt, an Schnüren vorbeigezogen, hastende Passanten, Schneematsch, Tristesse. Eine Stunde fuhr ich so für mich hin, vielleicht waren es auch zwei. Mir wäre es lieb gewesen, es würden vier oder fünf, der ganze Tag.

Wir gerieten in einen Vorort, „Endstation“, brüllte der Chauffeur. Ich stieg aus, sah mich um, kannte ich alles nicht hier. Fahrplan. In drei Minuten käme die nächste Bahn vorbei, den ganzen Weg zurück. An der Ecke stand ein Kiosk, der Zeitungen feilbot. Nein, mach ich jetzt nicht, geh ich nicht hin. Wahrscheinlich würde mir aus unserem Lokalblättchen meine Fresse anschauen, „große Ehre für unsere Gemeinde, ein Sohn unserer Stadt…“ Woher hatten die überhaupt ein Foto von mir? Wo war es aufgenommen worden? Ich grübelte und ging zum Kiosk.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s