30.01.2012 –419-

Das Ganze musste ein übler Scherz sein. Moritz Klein, der Bundesbeauftragte für Bürgerglück? Genauso gut hätte man Herrn zu Guttenberg zum neuen EU-Beauftragten für das Copyright im Internet nehmen können. Was hatte ausgerechnet ich mit GLÜCK zu tun? Ich hatte das Glück gehabt, meine Geburt zu überleben, was ich heute als dankbaren Anlass nahm, mich darüber aufzuregen, meine Geburt überlebt zu haben. Ich war zeit meiner Existenz zum Musterbeispiel erkoren, dass wer kein Glück hat irgendwann auch noch Pech hat. Wenn es auf dem ganzen Planeten nur einen einzigen Hundescheißehaufen gäbe – ich würde hineintreten.

„Glückwunsch“, sagte Borsig mit einer für ihn eher untypischen Brise Ironie. „Verkneif dir deinen subtilen Humor“, fuhr ich ihn an, „du denkst doch nicht etwa, ich hätte davon gewusst?“ „Das ist indirekte Rede, das muss ‚ich habe‘ heißen.“ „Leck mich, du Klugscheißer“, fuhr ich ihn noch einmal an, „der Umgang mit akademisch gebildeten Künstlerinnen bekommt dir nicht. Außerdem wird durch die Negation der Konjunktiv ausgehebelt und durch das Konditional ersetzt.“ „Selber Klugscheißer“, konterte Borsig, „aber nee, ich denke gar nichts. Ich bin eigentlich nur hier, damit du mich glücklich machst.“ Er gackerte wie ein Huhn auf Dope.

„Wenn du Glück dabei empfindest, ein paar schöne Schläge in die Fresse zu kriegen, kann ich prompt damit dienen.“ „Nee“, wehrte Borsig ab, „lass man. Ich bin gerne unglücklich. Und jetzt? Wie weiter? Nimmst du an?“

Was war das für eine Frage! Natürlich nicht! Ich mochte ein Idiot sein, aber ich verfügte über ein halbwegs funktionierendes Gedächtnis, ich hatte die Toten in Erinnerung, die im Laufe dieser Sache zu beklagen gewesen waren, all die Hinterfotzigkeiten, die menschenverachtenden Theorien, den ganzen politischen Krempel halt. Gut, ich war käuflich. Ich war Teil einer Marktwirtschaft, die auf den Gesetzen von Angebot und Nachfrage basierte, ich musste essen und mich kleiden, ich musste wohnen und überhaupt eine ganze Menge Dinge tun, für die mir andere Geld abverlangten. Aber ich war zum Beispiel nicht titelsüchtig. „Bundesbeauftragter für Bürgerglück“: das machte sich gut auf Visitenkarten, auf einem goldenen Schild an der Tür. Mehr auch nicht.

„Du lehnst also ab?“ „Ich hoffe, deine Frage ist rhetorisch“, hoffte ich einen strengen Blick in Borsigs Visage. Die wirkte mimisch unschlüssig. „Also ich könnte dir das nicht übel nehmen, wenn du… versteh mich nicht falsch, aber… Wenn mir einer eine Pommesbude anbieten würde, so ne ganz stinknormale Pommesbude in der Fußgängerzone, dort wo die Schulkinder immer vorbei müssen, wenn sie mittags zum Bus gehen… also ich meine: Pommes und Rote und Weiße und Curry, Bier und Cola, mehr würd ich gar nicht ins Angebot aufnehmen, lohnt sich alles nicht, ich will ja keinen stationären Gourmettempel, ich will nur einfach ne Pommesbude in der Fußgängerzone.“

„Wann fängst du an?“ fragte ich hämisch. „Hm“, antwortete Borsig verlegen, „ich denke mal nächste Woche. Das Angebot kam etwas überraschend, aber…“ „Hör auf, immer diese drei Pünktchen an deine wirren Sätze zu kleben. Du hast dich also kaufen lassen, hab ich Recht? Wer noch?“

Er wisse es nicht, sagte Borsig kleinlaut. Und was solle das heißen, „kaufen“? „Die schenken mir ja nix, die geben mir nur ne Chance, durch ehrliche Arbeit meine Currywürste zu verdienen. Gibt auch keine Bedingungen. Die verbieten mir nicht das Maul, wenn du das meinst.“

Genau das meinte ich. Hatte man mir ja auch nicht. Werden Sie ganz einfach Bundesbeauftragte für Bürgerglück… hm…klang nicht mal so schlecht. Ich stellte es mir auf Visitenkarten vor. Elegante Schriftart, geschwungen… Ich kickte jedes der drei Pünktchen einzeln und nacheinander in den Orkus.

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