25.01.2012 –414-

Der Mann auf der anderen Seite des Schreibtisches vertiefte sich lange in Kriesling-Schönefärbs Augen. Es war ein taxierender Blick mit einem Schuss Mitgefühl, der so echt sein mochte wie der Erdbeergeschmack in einem Speiseeis. „Sie wissen, dass Sie viele dumme Dinge getan haben?“ Die Frage hatte Kriesling-Schönefärb erwartet, nicht jedoch seine Antwort: „Ja.“ Der Mann nickte. „Ja“, wiederholte nun der Gefangene und bemühte sich um eine gewisse Festigkeit in seiner Stimme. „Ich hätte viel früher darauf kommen müssen, wie die Welt betrogen wird.“

Der Mann lächelte. „Alle Achtung“, sagte er dann, „Sie haben Prinzipien. Aber Sie irren natürlich. Die Welt wird nicht betrogen, sie betrügt sich höchstens selbst. Und wenn Sie wider Erwarten doch betrogen werden sollte, dann lässt sie das gerne und mit Genuss über sich ergehen. Aber wir sind nicht hier um zu philosophieren. Nehmen Sie es einfach darwinistisch. Nur die Stärksten überleben – und das sind im Moment WIR.“

„Wer ist WIR?“ fragte Kriesling-Schönefärb, nicht wirklich erwartend, der Mann würde ihm eine Antwort geben. Der schwieg auch und lächelte weiter. Widmete sich erneut der Akte, blätterte darin, wog den Kopf bedenklich, stieß auch einmal einen leisen Pfiff aus. „Folgendes“, sagte er endlich, „Sie befinden sich in einer Situation, in der man Sie ohne viel Federlesens verschwinden lassen sollte. Was vieles bedeuten kann. Eliminieren oder auf eine hübsche einsame Insel verfrachten, bis alles vorbei ist. Die Bandbreite ist groß, jedenfalls theoretisch.“ „Und wofür hat man sich entschieden?“ Kriesling-Schönefärb kannte die Antwort, sie schreckte ihn nicht mehr.

Der Mann wurde ernst. Er war ein Bürokrat, das sah man ihm an. Einer, der seine Pflicht erfüllte, ein Musterexemplar jener schrecklichsten Gattung Mensch, ohne die das Böse sofort seine Aktivitäten einstellen müsste. Er selbst war nicht böse, oh nein. Wahrscheinlich echauffierte er sich über gewissenlose Kapitäne, die ihre Schiffe aufgaben, wenn diese zu sinken drohten. Wahrscheinlich rang er in seinem Inneren, wenn es um die Wiedereinführung der Todesstrafe für Kindermörder ging oder die Rechtfertigung der Folter, um Menschenleben zu retten. Wahrscheinlich besaß also dieser Mann eine Moral, besaß Skrupel, besaß eine Familie, die er liebte, besaß Freunde, für die er alles getan hätte. Aber das alles erst nach Feierabend. Jetzt saß er bei der Arbeit und kümmerte sich nicht um Moral. Er hatte die Bibel gelesen, die zehn Gebote. Er zahlte Kirchensteuer, vielleicht ging es sogar – wenigstens an hohen Feiertagen – zur Heiligen Messe. Alles in seiner Freizeit. Er besaß zwei Gehirne, zwei Philosophien, zwei Leben. Jetzt gerade weilte er im anderen, dem der Staatsräson, dem der Gnadenlosigkeit.

„Eigentlich“, sagte er, „ist ihr Leben gerade noch eine Kugel wert. Oder eine Giftspritze. Sie sind eine Gefahr, mein lieber Herr Kriesling-Schönefärb, Sie hatten alle Chancen, glimpflich davon zu kommen. Sie haben keine dieser Chancen genutzt. Was also sollen wir mit Ihnen machen?“ „Vor Gericht stellen“, schlug der Gefangene vor, „ich glaube mich zu erinnern, dass dies der rechtsstaatliche Weg ist in einer Demokratie. Klagen Sie mich an, gönnen Sie mir einen Verteidiger, bringen Sie den Fall vor ein öffentliches Gericht.“

Der Mann klappte die Akte zu und atmete durch. Sein Körper spannte sich. „Was das wieder kostet!“ Er sagte es halb theatralisch, halb ironisch. „Sie wissen natürlich, dass wir Ihren Fall gar nicht öffentlich machen können. Sie wissen, dass man Sie des Geheimnisverrats anklagen müsste, der Subversion gegen den Staat. Von all den anderen Kleinigkeiten nicht zu reden.“

Kriesling-Schönefärb hatte langsam genug. „In Ordnung, dann verplempern wir hier nicht unsere Zeit. Lassen Sie mich exekutieren. Ich nehme an, Sie sind in einer so hohen Gehaltsgruppe, dass Sie sich nicht selbst die Hände schmutzig machen müssen.“
„Schön wär’s“, sagte der Mann. „Aber tatsächlich habe ich jetzt und auf der Stelle eine Entscheidung zu fällen und auszuführen.“ Er griff in die linke Seitentasche seiner Jacke.

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