24.01.2012 –413-

Er war eingeschlafen und ohne geträumt zu haben wieder aufgewacht. Er fühlte sich um einen Albtraum betrogen, an erotische Eskapaden seiner elektrischen Hirnaktivitäten glaubte er sowieso nicht mehr. Brüggink lag auf dem Fußboden und schnarchte, für eine Sekunde spielte Kriesling-Schönefärb mit dem Gedanken, seinen Platz auf der Pritsche nicht wie verabredet zu räumen. Dazu musste er den Dicken ja wecken – und wie es aussah und sich anhörte, schlief der ganz gut. Aber es war nun einmal so abgemacht. Kriesling-Schönefärb rüttelte am Fleischberg, immer heftiger, bis der sich endlich rührte, einen Fluch ausstieß, sich aufrichtete und auf die Pritsche plumpste. Es dauerte keine zehn Sekunden, bis auch von dort die gewaltigen Schnarchtöne kamen. Kriesling-Schönefärb seufzte. Er würde die nächsten Stunden nicht schlafen können.

Er musste auch nicht. Nach einer halben Stunde näherten sich Schritte, die Tür wurde geöffnet, ein Wärter bedeutete ihm mit einer raschen Kopfbewegung: Steh auf, mein Sohn, und folge mir. Kriesling-Schönefärb trottete über den Flur, wahrscheinlich wollte ihn der Typ zur Toilette führen. Tat er auch. Ich bin schon ein echter Knastbruder geworden, dachte Kriesling-Schönefärb. Sitze hier auf der Schüssel und stinke vor mich hin, auf der anderen Seite der Tür steht dieser Kerl und hört mir zu. Nicht einmal peinlich ist mir das. Und gleich geht es wieder zurück in die Zelle.

Tat es aber nicht. Der Wärter wies Kriesling-Schönefärb an, in die entgegengesetzte Richtung zu gehen. Holla, dachte der Gefangene. Und was liegt jetzt an? Ein Verhörzimmer, wie man es aus abertausenden Spionagekrimis kannte. Kahle Wände, ein Tisch mit zwei Stühlen, auf dem Tisch eine Lampe. Hinsetzen. Der Wärter trat ein paar Schritte zurück, stellte sich wie eine Statue neben die Tür.

Endlich, dachte der Gefangene. Jemand wird auftauchen und mit mir reden, wird etwas wissen wollen und mir erzählen, was man mir vorwirft. Wenn ich Glück habe. Vielleicht wird mit dieser Jemand auch nur lapidar mitteilen, meine Exekution stehe unmittelbar bevor, ich hätte aber einen gesetzlichen Anspruch auf eine Henkersmahlzeit, drei Menüs stünden zur Auswahl, alle mit lecker Zwiebeln. Vielleicht kann man sich auch die Hinrichtungsart aussuchen. Gerade voll im Trend: Pfählen mit anschließender Zurschaustellung der sterblichen Überreste in einer Fußgängerzone Ihrer Wahl. Total out: Von einem Erschießungskommando gegen die Wand geblasen werden.

Die Zeit verging. Zwanzig Minuten, eine Stunde? Kriesling-Schönefärb hatte es aufgegeben zu spekulieren. Seine Armbanduhr hatte man ihm abgenommen, er wusste nicht einmal, ob es Tag oder Nacht war, er vertraute seiner biologischen Uhr, die keine Rolex war, aber ein solides Stück Wertarbeit von Mutter Natur. Der Wächter rührte sich nicht. Kriesling-Schönefärb bemühte sich, den Atem des Mannes zu hören, aber es gelang nicht. Vielleicht war er ein Roboter.

Endlich. Sich nähernde Schritte, die Tür wurde geöffnet, ein Mann – Mittelalter, mittelgroß, mittelgrau, leicht gebeugt, mit einer schmalen Akte unterm Arm – trat ein, nickte dem Wächter zu, der die Tür hinter dem Mann schloss und sofort wieder in seine steinerne Starre verfiel.

„Guten Tag“, sagte der Mann – mittlere Stimmlage, mittlere Lautstärke – und setzte sich Kriesling-Schönefärb gegenüber an den Tisch. Legte die Akte vor sich hin, blätterte in ihr, las. Machte einmal „aha“ und einmal „ach so“ und dann zweimal hintereinander „hm, hm“. Kriesling-Schönefärb sah ihm interessiert zu. Er sah gerne Menschen bei der Arbeit zu, da hatte man doch noch das Gefühl, dass es in Deutschland voranging.

„So“, sagte der Mann schließlich und hob die Augen, richtete sie direkt in die Kriesling-Schönefärbs. „Sie sind das also. Sie machen ja Sachen… Schön, Sie kennenzulernen. Sind Sie mit ihrer Unterbringung zufrieden? Verpflegung in Ordnung?“ Kriesling-Schönefärb war so überrascht, dass er nickte.

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