21.01.2012 –410-

Ach du lieber Gott! Da hatte es gerade die Andeutung eines Lichtblicks gegeben – zwei schweigende Uniformierte, die Kriesling-Schönefärb zur Toilette führten, wo ein diskretes Geschäft in halber Öffentlichkeit erledigt werden musste – und dann, bei der Rückkehr in die Zelle, das: letztere war belegt. Mit einem dicken Mann, der gekrümmt auf der Pritsche saß und vor sich hin ächzte. Als Kriesling-Schönefärb die Zelle betrat, sah der Mann auf und sagte: „Moin, Kollege.“

Das Gesicht des Mannes hatte in letzter Zeit nicht unter physischer Langeweile gelitten. Die Augen geschwollen und farblich irgendwo zwischen rot und blau und schwarz, die Nase bedenklich schief, die Lippen spröde und blutig. Sogar an den Ohren schien sich jemand sadistenmäßig ausgetobt zu haben. Der Mann selbst war gut über 50, dick wie gesagt, er trug einen blauen Trainingsanzug, der ihm viel zu klein war. „Gestatten, Konsul Bruggink. Mit wem habe ich die Ehre?“

Kriesling-Schönefärb sagte seinen Namen, der aber Brüggink nichts zu sagen schien. Er nickte bloß und wies auf den freien Platz neben sich. „Wir kennen uns aber nicht, oder?“ Kriesling-Schönefärb bestätigte das, unterschlug, dass ihm der Name durchaus etwas sagte. Konsul Brüggink. Den man auf Island…. Moment mal! Bedeutete das, er befand sich gerade in einem isländischen Knast?

„Wo sind wir?“ fragte Kriesling-Schönefärb. „Keine Ahnung“, sagte Brüggin. „Ich weiß nur, dass mich die Schweine in Reykjavik abgegriffen und eingesperrt haben und dann das, was sie „verhören“ nennen, also munter verprügeln. Später medikamentös betäubt – und jetzt bin ich hier, wo auch immer. Was wirft man Ihnen vor?“

„Weiß nicht“, sagte Kriesling-Schönefärb. Gegenfrage: „Und Ihnen?“ Brüggink lächelte. „Auch nichts Spezielles. Was mit Landesverrat, Hochverrat, Bildung einer terroristischen Vereinigung, Verletzung des Grundgesetzes, der Menschenrechte und dergleichen mehr. Ist aber egal.“

Egal war es Kriesling-Schönefärb nicht, wie sie hier wohl die Nacht verbringen sollten. Auf einer schmalen Pritsche, die für Brüggink schon unzureichend, für Brüggink und Kriesling-Schönefärb aber katastrophal sein würde. Er dachte unwillkürlich an seine letzte Nacht mit Sonja, da hatte das Bett gar nicht schmal genug sein können. Sonja. Sein Gesicht verfinsterte sich, weil seine Gedanken sich verfinsterten. Es gab zwei Möglichkeiten: Sie war auch gekidnappt worden oder sie war nicht gekidnappt worden. War sie nicht gekidnappt worden, gab es wiederum zwei Möglichkeiten: Entweder war sie nicht gekidnappt worden, weil man sie nicht wollte – oder sie war nicht gekidnappt worden, weil sie selbst mit den Kidnappern zusammengearbeitet hatte. Die letzte Möglichkeit war die weitaus schlimmste, aber nicht die weitaus unrealistischste.

Es entstand nun ein Gesprächspause, die Brüggink dazu nutzte, sich mit einem verknüllten Papiertaschentuch und Spucke die Lippen zu säubern. Nach einer Stunde wurde die Tür geöffnet, ein Uniformierter – keiner von denen, die Kriesling-Schönefärb bisher kennengelernt hatte – brachte ein Tablett mit Brot, Aufschnitt, Margarine und Tee, drückte es Krießling-Schönefärb in die Hand. Entweder durften sie nicht reden oder für den Job wurden nur Taubstumme genommen.

„Wenigstens klappt die Versorgung“, sagte Brüggink und griff zu. Es gab auch ein stumpfes weißes Plastikmesser, mit dem der Konsul sich routiniert die Margarine fingerdick auf die Brotscheibe strich. „Schmeckt zwar obligatorisch scheiße, aber auf Island haben mich die Säue drei Tage lang hungern lassen. Mein Schneider wird sich freuen, wenn ich ihn das nächste Mal besuche.“

Optimist, dachte Kriesling-Schönefärb. Er hatte keinen Appetit. Brauchte auch keinen, denn der Konsul erwies sich in der Vertilgung der Nahrungsmittel als souverän.

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