20.01.2012 –409-

Der Graf von Monte Christo. Dem war doch eine ähnliche Scheiße passiert, gelt? Lebendig begraben, aber er konnte entkommen und nahm bittere Rache. Fand einen Schatz. Nun, daran war im Falle Kriesling-Schönefärbs nicht zu denken. Auch glaubte er sich zu erinnern, man habe den Grafen wenigstens mit Essen und Trinken hinreichend versorgt, sonst hätte er die Jahre im Kerker wohl kaum überlebt. Speis und Trank ließen allerdings auf sich warten. Kriesling-Schönefärb war leicht beunruhigt.

Aber hatte der Graf in diesem Roman nicht an die Wand seiner Zelle geklopft? War ihm nicht durch Klopfzeichen geantwortet worden? Da der Gefangene nichts Besseres zu tun hatte, klopfte er jetzt ebenfalls gegen die Wand. Zunächst zögerlich und leise, dann immer bestimmter und fester. Tat sich aber nichts. Was hätte sich auch tun sollen. Bestenfalls ein Antwortklopfen, na und? Damit hätte Kriesling-Schönefärb gewusst, dass nebenan ein Leidensgenosse vegierte. Leider beherrschte er die Klopfzeichensprache nicht, man würde sich also nicht austauschen können. „Guten Morgen, mein Name ist Kriesling-Schönefärb, ich bin entführt worden. Wie heißen Sie, woher kommen Sie? Wo sind wir hier, was wird man mit uns anstellen?“ Wie übersetzte man das in Klopfen? Viermal kurz, hundertachtzehn mal lang oder wie?

Endlich! Schritte, die nicht vorbeigingen. Ein Schlüssel im Schloss, ein metallisches Ätzen und Quietschen. Dann wurde die Tür aufgestoßen, ein mächtiger Mann in Uniform – sah aus wie ein amerikanischer Navy-Offizier im Zweiten Weltkrieg – betrat die Zelle, ein Tablett in der Hand, das er kommentarlos auf dem Rand der Pritsche abstellte. Er musterte Kriesling-Schönefärb mit einem professionellen, routinierten, gelangweilten Blick, drehte sich um, ging hinaus, schloss ab, entfernte sich.

Kriesling-Schönefärb hatte nichts zu sagen vermocht. Zu aufgeregt. Er hatte nur auf das Tablett geschaut, auf den Teller mit Braten, Kartoffeln und einer Art Gemüsebrei, auf die kleine Flasche Mineralwasser daneben. Urinstinkte, Hunger und Durst. Kaum war der Uniformierte verschwunden, machte sich der Gefangene über das Essen her, trank aber vorher die Flasche beinahe vollständig aus.

Das Essen schmeckte nach Kantine, also nach gar nichts. Es war zerkocht, enthielt nur von Spurenelemente von Spurenelementen, Andeutungen von Mineralien und Vitaminen, dafür umso mehr Fett und Kohlehydrate. Aber das war kaum die geeignete Gelegenheit, über gesunde Ernährung zu räsonnieren. Das Zeug machte satt und nur darauf kam es an. Mit dem letzten Rest Wasser spülte Kriesling-Schönefärb nach, stellte das Tablett auf den Boden und brachte sich selbst auf der Pritsche in Rückenlage, starrte gegen die Decke und hörte seinem Bauch beim Grummeln zu.

Wie lange würde das so weitergehen? Tage, Wochen, Monate, Jahre? Einfach so, ohne etwas anderes? Kriesling-Schönefärb wollte nicht undankbar sein, nein, keineswegs, aber er vermisste den Kaffee danach. Dafür kamen die Gedanken danach. Man wollte ihn weichkochen, bevor man ihn verhörte. Wie das Essen, jawoll. Er war menschlicher Kantinenfraß, leichte Beute für Zahnlose. Ach übrigens: Kantinenfraß. Was, wenn er gleich zur Toilette musste? Hier gab es keine, nicht einmal den obligatorischen Eimer mit Deckel in der Ecke. Gab es wenigstens so etwas wie eine Klingel? Die er würde drücken können, um jenen Uniformierten – oder einen seiner Kollegen auf den Plan zu rufen? Jemand, dem er sagen konnte: Ich muss mal Pippi, ich muss mal ganz dringend was abseilen? Gab es nicht. Sehr blöd.

Aber das hier war ein professioneller Kerker, hier schwirrten Uniformierte rum! Die mussten doch wissen, dass der Nahrungsaufnahme die Nahrungsausscheidung folgt! Herrgott, immer diese unnötigen Komplikationen! Kriesling-Schönefärb lauschte in sich hinein. Tat sich schon was? Noch nicht. Würde aber bald.

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