19.01.2012 –408-

Elend und Fata und wundersame Errettung des jungen Mannes Kriesling-Schönefärb in turbulenten Zeiten

Wo war er? Ein fensterloser Raum, kaum breiter als die harte Pritsche, auf der er erwachte. Die Tür stählern, mit einem kleinen Glasviereck auf Mannshöhe. Schritte, die über Flure hallten, das Weiß der Wände eher ein schmutziges Grau und trostlos. Wo war er, Kriesling-Schönefärb, bis vor kurzem noch hoffnungsvoller Nachwuchs im politisch-diplomatisch-technokratischen Dienst? Im Knast. Abgestürzt. Ein armes Schwein im freien Fall, ohne Netz, ohne Hoffnung.

Und was erwartete ihn? Folter, welcher Art auch immer. Das war jetzt nicht die Zeit für einen historischen Rückblick auf die Geschichte der physischen und psychischen Tortur, die man Menschen zukommen ließ, die von der Norm abwichen und dadurch gefährlich geworden waren.Eiserne Jungfrauen und Streckbänke, Waterboarding und 24stündiges Beschallen mit der B-Seite eines alten Catharina-Valente-Hits. Oder die diffizileren Geschichten wie Liebesentzug, subtile Bedrohungen, der angedeutete Verlust der Wonnen des ewigen Lebens. Nein, diese Zeit war es nicht. Es war die Zeit der Angst vor sich selbst, vor der eigenen Schwäche, vor der Kapitulation. Kriesling-Schönefärb wusste nicht, wie stark er sein würde, wie stark er bleiben würde. Er machte sich Hoffnungen, aber keine allzu großen. Vielleicht würde man ihn zwingen, eine rohe Zwiebel zu essen. Er hasste rohe Zwiebeln wie sonst kaum etwas auf der Welt. Er würde es nicht aushalten.

Und wie war er überhaupt in diese Situation gekommen, wie hatte ihn wer womit und wann und wo überwältigt? Partieller Gedächtnisverlust, ein paar wirre Bruchstücke vager Erinnerung. In den weichen, warmen Armen Sonja Webers, langsames Hinwegdämmern, das Glied pochte noch, aus Fleischeslust wurde Schläfrigkeit, das war der Himmel, das war das Höchste, was ein Mensch auf Erden erlangen kann. Und? Weiter?

Eine längere, unruhige Fahrt, wahrscheinlich im Kofferraum eines Autos. Aber was war vorher geschehen? Und, viel wichtiger, was war mit Sonja geschehen? Kriesling-Schönefärb sah an sich hinab, er trug einen Trainingsanzug, nichts aus seiner eigenen Garderobe. Okay, er war nicht in Guantanamo, dort trugen sie diese orangenen Overalls. Er befand sich wohl auch nicht in einem CIA-Gefängnis irgendwo in Rumänien oder Bulgarien oder Zentralasien. Er hatte Hunger, er hatte Durst.

Langsam richtete er sich auf, setzte sich auf die Pritsche und die Füße auf den kalten Steinboden. Seine Füße waren nackt und eisig, so eisig, dass er sie kaum noch spürte, nicht einmal, als er sie fest gegen den Boden stemmte. Er musste unruhig geschlafen haben, denn neben der Pritsche lag eine filzige braune Zudecke, wohl in einem Albtraum vom Körper gestrampelt. Kriesling-Schönefärb bückte sich, fasste die Decke, zog sie hoch, legte sie über sich, legte sich wieder hin, starrte nach oben.

Warten. Etwas anderes blieb ihm nicht. Er konnte nur hoffen, sich nach und nach zu erinnern, aber vielleicht sollte er nicht hoffen, vielleicht sollte ihn die Möglichkeit erschrecken. In Sonjas Armen, dann Filmriss, dann hier aufgewacht. Und die Fahrt dazwischen. Und ein unerträgliches, lautes Geräusch, wie von einem Flugzeugmotor. Hatte man ihn ausgeflogen? Wohin? Berlin? Ja, etwas in ihm sagte Kriesling-Schönefärb: Du bist wieder daheim. Berlin. Es ist die berühmte Luft, kein Zweifel, du hast sie so lange geatmet, du erkennst sie sofort wieder. Daheim. Irgendwo anders, aber daheim.

Jetzt kamen Schritte näher. Aha, dachte Kriesling-Schönefärb. Schritte, es geht weiter. Aber nichts ging weiter, nur die Schritte gingen weiter, entfernten sich, waren schließlich nicht mehr zu hören. Warten. Auf dem Rücken liegen und warten. Sich zu erinnern versuchen. Sonja. In ihren Armen und dann…

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