16.01.2012 –405-

Langsam gewöhnte sich Marxer an Heldenrollen. Was würden die Leutchen überhaupt ohne ihn machen? Schätzten sie es? Wenn ja: Warum gaben sich Oxana oder Vika oder Sonja oder Hermine keinen Ruck und sich ihm hin? Verstehe einer die Frauen, verstehe einer die Welt! Er stand in der typischen Heldenpose hinter den beiden Gangstern, die Schreckschusspistole am ausgestreckten rechten Arm, diesen mit der linken Hand abstützend, die Beine breit, im Mund auf einem imaginären Fruchtgummi kauend. So stellte sich Mimi den idealen Krimiautor vor.

„Lass fallen, Junge!“, kaute er lässig heraus. Toller Spruch! Der Junge ließ fallen. Sofort war Vika zur Stelle, tauchte elegant bodenwärts, schnappte sich die Waffe, richtete sich auf, begab sich ebenfalls in die Marxer-Positur, nur das mit dem Kaugummi verkniff sie sich. „Da rüber zu den beiden anderen Kerlchen“, dirigierte sie. „Tja“, meldete sich nun auch Moritz, „so kann’s gehen.“ Er drehte sich um. „Wollen mal schauen, ob hinter uns jetzt nicht wieder jemand mit einer Pistole steht. Vielleicht sogar einer echten und keiner mit Schreckschussmunition.“ Ha, ha, dachte Marxer. Und wenn die Waffe von dem Typen dort, die, mit der Vika gerade die Sippschaft in Schach hielt, auch nur eine Attrappe war?

Regitz schien mit einem ähnlichen Gedanken beschäftigt. Er schnaubte. „Ihr Scheißpack!“ Machte einen Schritt auf Marxer zu, wollte ausholen – und wurde von Jonas‘ flinker Faust gestoppt. Alle Achtung. Laura machte „cool“. Der Dicke torkelte rückwärts, geriet aus dem Gleichgewicht, fiel um. Kam mit Mühe auf die Knie, spuckte aus, Blut und Rotz und etwas Weißes, Glänzendes. „Mein Stiftzahn!“ jammerte er. „Ihr Unmenschen! Wisst ihr, was mich der gekostet hat?“

 

*

 

„Sieht aus wie ein Zahn“, stellte Jonathan fest. „Ja“, sagte Laurette. Sie betrachteten ihn genauer. „Aber der ist irgendwie komisch. Also das woraus der ist. Das Material. So glatt und künstlich.“ Jonathan nickte. So etwas hatte er noch nicht gesehen. War das vielleicht gar kein Zahn von einem irdischen Menschen? War es gar – ein Zahn jener legendären Leiche, die in „Der Bote“ (Conte Verlag, erscheint im März 2012, 11 Euro 90, spannende Sache mit tiefer Bedeutung) in eben jenem Raum des „Felsenkellers“ aufgebahrt worden war? Es lief ihnen kalt schaurig über die Rücken.

In der Entfernung tönte eine Glocke, die das Jungvolk zur Arbeit rief. Sie standen auf, schauten sich an. Jonas verstaute den Zahn oder was immer es auch sein mochte, in der Hosentasche. Es war eines der wenigen Relikte aus der guten alten zukünftigen Zeit, die er besaß, noch einen Fetzen von einem Plastikkanister nannte er sein eigen und vier Blätter aus einer zerfledderten Zeitschrift namens „Spiegel“, wo über einen armen Mann berichtet wurde, der seiner Familie ein Haus gebaut hatte und dafür bestraft worden war, weil er sich das Geld dafür hatte leihen müssen. Komische Zeiten waren das gewesen, dachte Jonas bei sich, wenn er den Bericht las, was er für gewöhnlich jeden Abend tat, solange noch das Kerzenlicht brannte.

Sie trabten langsam durch den dunklen Gang, aus den anderen Zimmern kamen immer mehr Kinder, schlossen sich ihnen an. Heute Mittag, immerhin. Eine Stunde, etwas Extrabrot, etwas Extrawasser. Und einen neuen Schatz in der Tasche.

 

*

 

„Lass dir nen neuen einsetzen“, sagte Moritz und trat auf den ausgeschlagenen Zahn. „Mit dem hier dürfen die Ratten spielen.“

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