15.01.2012 –404-

Ein kalter Januartag im Jahr des Herrn 2167. Sie waren wie immer sehr früh ins Bergwerk eingefahren, ein trauriges Pony zog ihren Wagen, sieben Kinder saßen darauf, frierend und hungrig. Aber war nicht heute ein besonderer Tag? Hatte nicht gemäß der Weissagung des großen Kriminalschriftstellers vor exakt 150 Jahren sich alles so zugetragen, wie es sich zugetragen hatte? War nicht die Welt nach großen Katastrophen aus dem Kontinuum der Zeit ausgeschert, zurückgekehrt in die Finsternis des 19. Jahrhunderts? Stand nicht das Wasser des Meeres dort, wo einst Hannover gewesen war? Lag dort, wo einst München gewesen war, nicht ein riesiger Salzsee?

Doch, genau so war es gekommen – und der große Kriminalschriftsteller hatte es in seinem Werk „Der Bote“ (Conte Verlag, erscheint im März 2012, 11 Euro 90) schon so beschrieben – und auch das Bergwerk, in welches die Knaben und Mädchen nun einfuhren, kam dort bereits vor, weil man dort eine Leiche lagerte. Eine Leiche… Sie dachten mit Schaudern an die Geschichte, sie fürchteten sich, wenn sie hart schufteten und die Steine hackten, das Geröll bewegten, davor, auf ein Gerippe zu stoßen. Blödsinn. War ja ganz anders gewesen in diesem Buch, aber trotzdem.

Jedenfalls: ein besonderer Tag heute. Sie würden heute Mittag einer Feier beiwohnen, einer Gedenkstunde, wie man es nannte, im großen Saale, der Bergwerksdirektor würde eine Rede halten und es gäbe Extrawasser und Extrabrot. Darauf freuten sie sich. Auf die Arbeit freuten sie sich nicht. Jonathan drückte Laurettes Hand, wie er es immer tat, wenn sie dem Wagen entstiegen und durch die Dunkelheit zu ihrem Umkleideraum tappten. Laurette lächelte. Sie liebte Jonathan.

Ihr Raum war der letzte auf der linken Seite des schier endlosen Ganges, dort, wo sich die Kinder umzogen, welche den Schutt, das Geröll wegzuräumen hatten. Schmale Nischen zum Sitzen waren mühsam aus dem Fels gehauen worden, früher hatte man fortschrittlichere Gerätschaften besessen – doch nur noch selten fanden sich unter den Ruinen des Dorfes Bannkies, das früher Großmuschelbach geheißen hatte, Relikte dieser fernen Zeit. Dinge mit seltsamen Namen wie Plastik, Elektrorasierer oder PLAYBOY, letzterer ein wohlgehüteter Schatz, eine Zeitschrift, dessen Besonderheit merkwürdig realistische Gemälde leichtbekleideter Frauen waren, Fotografien genannt. Jonathan hatte solche noch nie gesehen – musste er auch nicht. Er liebte seine Laurette und würde mit ihr in den Stand der Ehe treten, sobald er volljährig war.

Schweigend schlüpften sie in ihre groben Arbeitskleider, filzige Jacken und fadenscheinige Hosen, in denen sich Dreck und Feuchtigkeit häuslich eingerichtet hatten. Wehmütig dachte Jonathan an seine seelige Schulzeit, fünf Jahre des Lernens und des Glücks, an die Pausen, in denen er mit Laurette Murmeln spielte, zusammen mit Katharine, der Tochter des Bürgermeisters… Jonathan seufzte. Es waren harte Zeiten.

Heute aber freute er sich über die willkommene Abwechslung, die große Gedenkfeier zu Ehren des ebenso großen Buches „Der Bote“ (Conte Verlag, erscheint im März 2012, 11 Euro 90, kann beim Autor ohne Aufpreis und sonstige Kosten mit persönlicher Widmung vorbestellt werden). Gewiss: Im wirklichen Leben soll der große Kriminalschriftsteller ein ebenso großes Arschloch gewesen sein, wie man munkelte. Ein egozentrischer Besserwisser, der seine Kollegschaft in sogenannten „Rezensionen“ zur Sau machte, sich von Verlagen bestechen ließ, hinter Frauen her war und sein Haus mit einem dubiosen Kredit finanziert hatte. Seine Ehefrau war außerdem tätowiert, wo, das wusste nur der Autor.

Es war kalt. Jonathan scharrte mit dem Fuß auf dem Boden, festgetretene Erde. Laurette streichelte seine Hand. Was war das? Etwas Weißes blinkte dort, wo Jonathans Fuß gerade eine kleine Kuhle produziert hatte. Neugierig bückte sich der Junge.

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