10.01.2012 -399-

„Coooool“, dehnte Laura bewundernd. Das war aber auch zu geil! Ein Geheimgang, der von einer unscheinbaren Litfasssäule in einer einsamen Ecke am Rande des kleinen Parks bis zu Konsul Brugginks Villa führte! Katharina hatte, sich nach allen Seiten umschauend, einen geheimen Mechanismus ausgelöst, ein Summen zunächst wie von der Tür eines Fahrstuhls und tatsächlich war auch hier gleich darauf eine Öffnung in der Säule sichtbar geworden. Nicht groß, nicht hoch, aber groß und hoch genug. Im Inneren der Säule war eine Bodenplatte angehoben worden, unter der Stufen hinabführten in einen schmalen Gang. Sogar kleine Taschenlampen waren vorhanden. „Coooool“: noch einmal Laura.

„Jau“: Katharina. „Hab ich mal zufällig entdeckt. Geil, oder? Kommst direkt bei uns im Keller raus.“ Sie tappten vorwärts. Konnte es hier igittes Viehzeug geben? Ratten, Kakerlaken – Schlangen? Laura wagte nicht zu fragen, schlimm genug, dass sie daran dachte. In den Abwassersystemen deutscher Kommunen tummelten sich ja schon Alligatoren und exotische Riesenspinnen, wer, zum Beispiel als Hartz-IV-Empfänger, Tiere in freier Wildbahn beobachten wollte, konnte sich das Geld für Zoobesuche sparen und musste nicht unbedingt Krimikritiker sein, dem Verlage schöne Safaris in Afrika spendierten. Nein, sich ablenken. „Was willst du eigentlich in eurer Villa, Kati?“

So genau wusste die das auch nicht. Paar Klamotten holen. Den iPod mitnehmen und überhaupt mal nach dem Rechten gucken. Nein, sie mochte ihren Vater nicht. Wie der ihre Mutter behandelt und abgeschoben hatte! Wie er seine Tochter als Investition in die Zukunft betrachtete, irgendwie vorteilhaft zu verheiraten, als wäre man im Orient oder Mittelalter oder beidem. Zu kalt, zu abwesend, zu besitzergreifend. Und immer dieser Ehrgeiz! „Wer nur kleine Schweinereien auf dem Kerbholz hat, wird Bundespräsident, wer die großen Schweinereien bevorzugt, kann es zum Weltherrscher bringen.“ Solche Sprüche halt – und er meinte sie ernst. Er selbst lag irgendwo dazwischen und jetzt hockte er in einem Knast, wurde womöglich gefoltert oder war schon tot. Dieser Gedanke berührte Katharina unangenehm. Empfand sie am Ende doch etwas für dieses Vatermonster? Hing das mit den Genen zusammen oder doch nur dem Katholizismus? Sie verscheuchte den Gedanken. Endlich, da vorne war schon die Tür zum Keller. Sie sagte „So, geschafft“ und hörte Laura aufatmen. Doch keine Schlangen.

„Ihr wartet hier mal.“ Ließen sich die beiden Pimpfe nicht zweimal sagen. Heizungskeller. Spinnweben hingen runter, große schwarze Netze. Okay, aber besser, als raus zu gehen. Katharina verschwand. Es war dunkel hier, aber sie hatten wenigstens die Taschenlampen. Jetzt könnte sie der Spacken doch mal wirklich in den Arm nehmen, wozu glaubt der denn, er wäre ein Kerl. Von Sex reden die pausenlos – nicht dass sie scharf drauf gewesen wäre, aber ein wenig praktische Übung, das hätte sie jetzt gebraucht. Wie das Kuscheln im Bett, damit sie einschlafen konnten.

Sie warteten also. „Bin mal gespannt, wie wir das mit der Schule heute hinbiegen können“, sagte Jonas und kicherte leise. Typisches Ablenkungsmanöver, Pfeifen im Walde. „Jau“, antwortete Laura. „Heut schreiben wir ne Geoarbeit, ich hab eh nix gelernt, die Matuschek is aber auch nur ne voll zickige…“ Das „Tusse“ erstarb im Mundhöhlenraum. Ein Geräusch, Schritte, hoffentlich Katherina.

Die Schritte gingen vorbei. Hatten auch nicht wie die eines Mädchens geklungen. Ach du Scheiße. Wenigstens hatten sie schnell reagiert und die Taschenlampen ausgeschaltet. Und atmeten kaum, selbst als die Schritte verklungen waren. Warten.

Nichts. Viertelstunde. Hockte die etwa noch im Badezimmer und brezelte sich auf? War ihr zuzutrauen. Weiber, dachte Jonas. Denen sitzt die Unpünktlichkeit echt in den Genen oder wo. Sagte er natürlich nicht laut. Da – wieder Schritte. Von einem Mädchen? Keine Ahnung. Vor der Tür zum Heizungskeller hielten sie inne. Katharina, ne?

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