06.01.2012 –395-

Gott sei’s gepriesen und gepfiffen: Wieder eine Sitzung abgerissen. Neben dieser zugespachtelten Gans, Prinzessin Bianca, würde sie doch einfach nur das Maul halten, das Leben wäre sofort erträglicher. Am Anfang hatte er noch Wert darauf gelegt, mit ihr eine gemeinsame Umkleidekabine zu benutzen. Ha! Er stand auf Frauen! Und wie! Aber die Vorteile des Fleisches konnten die Nachteile der wörtlichen Rede aus diesem Fleisch heraus nicht immer aufwiegen! Bei Bianca schon gar nicht.

Jetzt zog er sich alleine in einem Kabäuschen um, hinterster Winkel der Halle, es roch nach Fußschweiß und 4711. Die anfängliche Euphorie, endlich Karnevalsprinz zu sein, war längst verflogen, nicht nur wegen Bianca, von der er ja wusste, dass sie ihre gymnastischen Übungen für jedermann bereithielt. Nein, auch sonst. Immer die selben Fressen. Immer die selben Büttenreden, die selben Schunkellieder, die selben hochgeworfenen Mädchenschenkel. War ihm zu wenig. Er brauchte Abwechslung. Verstand einfach die Leute nicht, die damit schwadronierten, ihr Lieblingsessen sei „seit Kindheitstagen“ Leberknödel mit Sauerkraut. Okay, aß er auch gerne. Aber Abwechslung. Das war doch das Leben, oder? Er nahm seine Prinzenmütze ab und pfefferte sie auf den einsamen harten Stuhl im Raum. Dann ließ er die Hose runter.

Prinz Karl-Heinz versank in Selbstmitleid, was eigentlich gar nicht seine Art war. Er war ein Selfmademan, der aus dem Schrott seiner Gedanken seine um die Verwertung von Schrott kreisenden Gedanken seines Geschäftes gemacht hatte, er handelte mit dem unbrauchbar Gewordenen, dem Müll, dem Abfall – er tat das, was man in geistigen Leben dieser Republik auch tat, ohne es Schrott zu nennen. Und aus dem Schrott machte er das Schöne. Er kaufte sich Frauen, er kaufte sich Autos und Ansehen, er kaufte sich, leider, leider, auch die kleinen Perversionen, die das Leben so angenehm machten, die Elevinnen, die soften Sadomaso-Unternehmerinnen… Okay, er war ein Schwein. Er war ein geldgeiles Schwein, er ging nicht über Leichen, aber er ging um sie herum. Er war, auch das, ganz normal, ein von Kapitalismus und Katholizismus sozialisierter Musterknabe, das Salz der Erde gewissermaßen, auch wenn man das nicht gerne zugab. War aber so. Karl-Heinz wusste das, die anderen wussten das.

Wie war er in die Sache hineingeraten? Erpressung, natürlich. Diesmal nicht mit ein paar diskret zugesteckten großen Scheinen zu bereinigen. Die süße 14jährige, die aber wie – mindestens! – 21 ausgesehen hatte. Nein, war nichts Schlimmes passiert. Paar nette Sauereien, na und? Dann der Besuch. Dieser schmierige Typ, der auf einem von Karl-Heinzens Schrottplätzen angeblich eine neue Kurbelwelle für seinen 74er VW-Käfer gesucht hatte. Konnte man nicht mit dienen, ein Schrottplatz ist doch kein Museum, sehr wohl ein Museum manchmal ein Schrottplatz. Sei’s drum. Jedenfalls hatte ihn der Typ beiseite genommen und angefangen zu erzählen. Von der 14jährigen und ihren gemeinsamen schweinischen Spielchen. Hatte ihm sogar Fotos gezeigt, Fotos, bei deren Betrachtung sogar Karl-Heinz rot geworden war. Er sollte das sein? Er diese Sau? Wieder was dazugelernt. Okay, er schämte sich.

Nein, Geld wollte der Typ nicht. Überhaupt: Geld! Er hatte gelacht, dieser Typ, Karl-Heinz wusste nicht weshalb. Hatte gelacht und gesagt: „Vergessen Sie Geld. Kleiner Typ von mir: einfach vergessen, Sachwerte kaufen. Nein, wir brauchen Sie als Mensch, verstehen Sie? Als Mensch.“

Klang doch erst mal gut, oder? Wer wird nicht gerne als Mensch gebraucht? Rührend. „Als Mensch?“ „Ja“, hatte der Typ bestätigt, „als Mensch. Sie kennen doch alle. Sie haben doch Einfluss, sie zählen die Leichen im Keller. Arbeiten Sie mit uns zusammen. Ganz einfach.“

Ganz einfach. Karl-Heinz setzte sich auf den einsamen Stuhl und überlegte, ob er weinen sollte. Und was war er nun? Ein Domestik. Ein Bote. Ja, ein Bote! So wie im neuen gleichnamigen Kriminalroman von… aber das ist eine andere schmutzige Geschichte.

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