02.01.2012 –391-

Was für eine Nacht! Der Himmel sternenklar, doch die Sterne vor lauter Smog nur blässliche Eidotter, wenn überhaupt. Knackkälte, wie geschaffen für eine Südpolexpedition. Ein Hund bellte aus dem Unsichtbaren heraus, eine Katze miaute ihren Kommentar, zwei Waschbären schlichen durch die Hinterhöfe – hielten die nicht Winterschlaf? Wo nicht geräumt war, knirschte noch der Schnee unter den Füßen. Vika trug silberne Schläppchen, feenmäßig halt, Oxana High Heels, oxanamäßig halt. Gottlob war es nicht weit zu Irmis Behausung. Eine Herausforderung dennoch.

„Tut mir leid, Mädels, der Konrad ist wieder eingepennt. Wollt ihr was trinken? Eierlikörchen? Nee? Aber nen Tee doch!“ Irmi trug ihr altertümliches Nachthemd mit der grazilen Nonchalance des Alters. Die Mädels setzten sich, rieben sich gegenseitig die Hände und mit diesen, als Irmi in der Küche war, auch die Reste ihrer erkalteten Körper.

„Ja, also“, sagte Irmi, stellte den dampfenden Teepott auf den Tisch, „er führte eine wirre Rede, wie der Dichter sagt, unser lieber Konrad, aber was ich mir so zusammengereimt habe, ist folgendes.“ Sie räusperte sich. Es war grüner Tee, der durfte nur eine Minute ziehen, sonst wurde er bitter. Sie schenkte ein.

„Also. Unsere Landkommune beschließt, eine Silvesterparty zu veranstalten. Weil: Sie haben eine Ladung deutschen Schaumwein gegen ein Schwein eingetauscht und die Plörre muss weg. Gute Gelegenheit, neue Kontakte zu knüpfen, sagt sich der Rainer, so was wie der Chef vom Ganzen. Tja, und kommen auch genügend Leutchen zusammen, ganz zwanglos, bringen ihrerseits Leute mit, die keiner aus der Kommune kennt, auch unseren Schnüffel.“

„Wer hat ihn mitgebracht?“ fragte Oxana. „Keine Ahnung“, antwortete Irmi, „das hab ich auch wissen wollen, aber der Konrad wusste es nicht mehr. Jedenfalls: Alkohol ist in Mengen vorhanden, wenn ich mich auch frage, wie normale geschmacksbegabte Menschen so ein Zeug überhaupt trinken können. Sie tun es aber. Und unterhalten sich. Das Gespräch kommt auf das Ideal einer geldlosen Gesellschaft, man theoretisiert, man streift die Eurokrise, wäre doch eine tolle Gelegenheit, sich endlich mal von dem Moloch Kapital zu befreien und diesem Wachstumszwang, ihr wisst schon. Schnüffel steuert ein paar wohlwollende Worte bei, ja, wäre auch sein Ding und er hätte erfahren, dass… Will nicht so recht rausrücken mit der Sprache, aber die Kommuneleute, angeheitert wie sie sind, wollen Genaueres wissen. Was hätte er erfahren? Na, sagt der Schnüffel, großes Ding. Globaler Geheimplan, alles auf Tauschhandel umzustellen. Nicht aus Überzeugung, sondern weil es nach der unausweichlichen monetären Katastrophe die einzige Möglichkeit sei, wieder auf die Beine zu kommen.“

Der Tee war gut, die Körper der beiden jungen Frauen erwärmten sich langsam auf Normaltemperatur.

„Der Rest, so wie ich ihn aus dem Konrad rausgefragt hab: Schnüffel wird ständiger Besucher der Landkommune. Rückt so peu a peu mit Einzelheiten raus. Einerseits die Bemühungen der Staatsmacht, die aber nur darauf abzielten, die Leute abzuzocken, also die Armen zugunsten der Reichen, wie immer. Erst mal das Geld abschaffen, somit künstlich verknappen, die Reichen flüchten in Sachwerte, Gold etc., die Armen können das nicht, sie werden überrumpelt. Später gibt es dann eine neue Währung, inzwischen sind alle Sachwerte bei den Banken und so weiter, die Armen sind noch ärmer etc. Böses Spiel also – und die Landkommune glaubt es unbesehen, man weiß ja, wie die Mächtigen ticken. Aber dem gegenüber: Eine private Gruppe von Idealisten, die aus reiner Menschenfreundlichkeit die Pläne der Staaten und ihrer Büttel durchkreuzen will, echten sozialen Tauschhandel… Tja. Und er, Schnüffel, natürlich einer von den Guten. Alles streng geheim, aber klar: Die Bösen schlafen nicht. Sie sind den Guten auf den Fersen, wollen sie ausschalten. Sie haben ihre Spitzel… Kurz und gut: Schnüffel hat leichtes Spiel mit den naiven Kommunarden. Und dann tauche ich auf. Ganz klar, was ich für eine bin: eine Böse.“

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