30.12.2011 –388-

Das war jetzt nicht mehr lustig. In Marxers Kopf fuhren die Gedanken Amok wie betrunkene Halbwüchsige auf dem Auto-Scooter. Dieser Rath ein Cousin des Karnevalsprinzen, der Karneval in toto nichts weiter als Sex & Crime – na gut, da hatten Moritz und Vika dem lebenskundigen Dichter nichts Neues erzählt. Wo die Oberfläche am flachsten daherkommt, lauern darunter die tiefsten Abgründe, gebongt das. Schließlich hatte er in „Die Zombies aus dem Zillertal“ die Szene der sogenannten volkstümlichen Musik als einen Sumpf aus Koks, SM-Praktiken und brauner Soße entlarvt, nischt wie fröhliche Zillerbuam on Dope. Dennoch: War das wirklich überall so? Marxer hielt seinen Blick unverdrossen in Vikas Schritt, er war zu besoffen, um sich einen letzten Rest Kultiviertheit leisten zu können. Aber wenn er besoffen war, was war dann Moritz?

Moritz Klein war hin und her gerissen. Interpretierte er Hermines Mimik, ihre Gesten richtig? Deuteten sie auf eine Verbesserung der beziehungsrelevanten Großwetterlage, verhießen sie weiterhin ungetrübten partnerschaftlichen Genuss – und wenn ja, sollte dieser Genuss noch in dieser Nacht geschlechtlich vollzogen, sozusagen in bare Münze umgewandelt werden (ein Witz, angesichts der politischen Situation)? Was ihn zu der heiklen Frage führte, wie er sich binnen der nächsten Stunde in einen Zustand bringen konnte, der es ihm erlauben würde, die dringend benötigte männliche Sexualapparatur fehlerfrei zum Einsatz bringen zu können. Kaffee, fuhr es ihm durch das alarmierte Hirn, ich brauche Kaffee und zwar in rauen Mengen. Mit schwerer Zunge orderte er eine ganze Kanne, sehr stark, Hermines überraschtes Gesicht schien die Moritzsche Intention bezüglich ihres erotisch-mechanischen Substrats zu antizipieren, wie man in geisteswissenschaftlichen Seminaren zu formulieren pflegt und es dann als Krimikritik auf die Menschheit loslässt.

„Also“, fuhr Vika fort, „dieser Sängerle hat uns ein paar pikante Details aus dem Liebesleben dieses Prinzen verraten, unter anderem, dass er es sehr schätzt, sich von den Elevinnen des Mädchenballetts am Staatstheater mit weichen Bändern auspeitschen zu lassen. Glaubt man nicht, das heißt: glaubt man natürlich. Er soll da auch erpresst worden sein und jede Menge Schweigegeld gezahlt haben, wobei mir beim Thema Erpressung sofort ein Name parat ist.“

„Schnüffel“, konkretisierte Moritz Klein und schüttete die dritte Tasse Kaffee schlundabwärts. Mit Befriedigung spürte er, wie die Nüchternheit gegen die Besoffenheit mehr und mehr an Terrain gewann. „Übel, übel“, kommentierte Oxana, „wir müssen endlich erfahren, was auf diesem Kommunehof los war. Vielleicht hat Irmi ja schon was aus diesem Konrad raus bekommen. Ich ruf sie gleich mal an.“

Jonas, Laura und Katharina, die sich ebenfalls in der „Bauernschenke“ eingefunden hatten, seufzten. In ihnen rumorten Milchshakes und kalte Cola, eine gefährliche Mischung mit halluzinogenen Eigenschaften, bewusstseinerweiterndes Teufelszeug, ein jugendfreier Leck-mich-am-Arsch-Trunk.

„Ich glaube“; sagte Laura überraschenderweise in einer Gesprächspause, „ich glaube also, dass wir mal richtig an den Anfang zurück müssen. Also – ich glaube – zu diesem Georg Weber oder wie der heißt und der verschwunden ist, und wenn ich das richtig sehe, suchen wir den doch, oder?“

Das verschlug den anderen für einen Moment die Sprache. Recht hatte die Kleine, irgendwie. Back to the roots. „Keine schlechte Idee“; lobte Oxana die Kleine, „die Lage ist so verworren, dass wir praktisch noch einmal von vorne beginnen sollten. Das soziale Umfeld des Georg Weber, wenn ihr versteht, was ich meine. Würde mich nicht überraschen, wenn wir dort ein paar Figuren begegnen würden, die wir inzwischen kennen, aber noch nicht so richtig einordnen können. Ein Fall für Vika, würde ich sagen.“

Die nickte. Marxer nickte auch, nämlich ein. Er träumte wirres Zeug. Er merkte also nicht, dass er träumte, es fühlte sich an, als wäre er hellwach.

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