25.12.2011 -383-

Die Büttenrede des Bimbes wollte kein Ende nehmen. Was nicht verwunderte, denn von Euro bis Thomas Gottschalk verbriet sie alles, was die Welt in den letzten Monaten bewegt hatte. „Der Bundespräsi hat Kredit / das Volk spielt aber nicht mehr mit / das Land der Gartenzwerge / wünscht sich den Guttenberge“. Donnernder Applaus aus heißen Handflächen. Und dröhnende Empörung, als der Meister zum Ende seines Vortrages zu kommen drohte, verzweifelte „Zugabe!“ – Rufe, Tränen und Jammern, es war, als sei soeben der nordkoreanische Übervater gestorben und sein Volk reiße sich in tiefster Verzweiflung die Kleider vom Leib.

Ich habe ja eine Theorie. Sie besagt, dass man nicht zum Karneval geht, um sich zu besaufen, sondern im Gegenteil nur säuft, um den Karneval zu ertragen. Meine soeben veranstaltete Feldstudie bestätigte mich darin. Der Sekt floss in Strömen, jede Pointe musste sofort ertränkt werden, dazu die schauerliche Musik, auch sie willkommener Anlass, die letzten für den guten Geschmack zuständigen Nervenzellen zu betäuben, so nicht gar vollends zu eliminieren.

Aber dann war es doch vorbei. Der Vorsitzende dankte dem Akteur mit warmen Worten, „hei, das war wieder eine volle Breitseite nach der anderen von unserem guten Otto Sängerle, dem dichtenden Elektroinstallateur!“ Otto Sängerle! Also doch! Mein alter Schulfreund Otto der Schüttler, wie ihn die Mädchen unserer Schule in Anbetracht seiner häuslichen Lieblingsbeschäftigung getauft hatten, Otto der Spanner, so nannte ihn die Knabenschar, weil er stets in der Nähe von Freibädern und lauschigen Parkanlagen zu finden war, wo unsereiner erste praktische Übungen mit dem anderen Geschlecht veranstaltete. Ja, ich hätte es sofort wissen müssen, er sah auch immer noch so aus wie früher, nur viele, viele Jahre älter und viele, viele Kalauer blöder.

Vika lachte. „Dann haben wir ja eine Kontaktperson“, schloss ihr professioneller Verstand. „Und wo bleibt jetzt dieser Karnevalsprinz mit seiner Tussie?“ Wusste ich auch nicht. Man hielt uns noch hin. Als nächstes erschien ein musizierendes Duo auf der Bühne, zwei nicht mehr ganz junge Herren mit Wandergitarren und Baritonstimmen, denen man das Öl gegönnt hätte, dass der Freiherr von Copy und Paste sich neuerdings nicht mehr ins Haupthaar massierte. Der Sektkonsum stieg ins Unfassbare, die Kellnerinnen und Kellner hatten alle Hände voll zu tun. Wir ließen die Darbietung stoisch über uns ergehen, ich schenkte meinen optischen Bedürfnissen eine intensive Inspizierung des Vika’schen Feenleibs, eine Idee, auf die auch die uns umsitzende Männerschar schon seit geraumer Zeit gekommen war. So verging die Zeit.

Endlich war es soweit. Die Kapelle spielte einen Tusch, der Saal wurde unruhig und vergaß für einen Augenblick, wozu er gekommen war: um zu vergessen, dass er hier war. Der Präsident schwang seine Glocke, räusperte sich und sagte: „Und jetzt zum Höhepunkt unserer närrischen Prunksitzung! Endlich sind sie da, ihre Absolutheit, Prinz Karl-Heinz der Dreiunddreißigste  und ihre Lieblichkeit Prinzessin Bianca die Zweite, scheiß auf die Republik, es lebe die Monarchie! Wolle mer se roilasse?“ Ein vielhundertstimmiges „Jau!“ lieferte eindeutige Antwort und sofort öffneten sich unter akustischer Fanfarenbegleitung die Flügel der Einlasstür, die Beleuchtung wurde festlich gedimmt, mehrere Spots warfen ihr Gleisnerisches auf die Tür, durch die das hohe Paar huldvoll und winkend einmarschierte. Es war ein Bild für die Götter, es war ein Bild um endgültig atheistisch zu werden.

„Das sind sie also. Oh. Mein. Gott. Solche Fressen sieht man sonst nur im Nachmittagsprogramm der Privatsender.“ Dies raunte mir Vika ins Ohr, ihr schwerer Schaumweinatem kitzelte die Härchen. Wenigstens ein Lichtblick in dieser humoristischen Finsternis.

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