23.12.2011 -381-

Gut, ich will nicht ungerecht sein. Unter den Hüpfmädels, die die Bühne unter sich erzittern ließen, gab es tatsächlich auch welche, die weniger als zwei Zentner gegen die Schwerkraft stemmten. Und auch dass der sogenannte Elferrat lediglich aus sieben betagten, aber gerade erotisch beträchtlich aufgeheizten Männern bestand, war gar nicht so schlimm. Auch Tausendfüßler heißen Tausendfüßler, obwohl sie keine tausend Füße haben.

Nein, ich wartete auf etwas viel Furchtbareres: die erste Büttenrede. Als sie der Sitzungspräsident ankündigte, trank ich schnell noch einen Schluck des sehr billigen, aber zu einem sehr hohen Preis ausgeschenkten Schaumweines. Herr Prinz und Frau Prinzessin weilten übrigens noch nicht unter uns. Sie würden, wie mich die Szenekennerin Vika belehrt hatte, erst später unter großem Hallo Einzug halten.

„So, liebe Närrinnen und Narren, jetzt kommen wir zum ersten Höhepunkt unserer fröhlichen Prunksitzung! Wer kennt ihn nicht, wer liebt ihn nicht, unseren BIMBES? Das ganze Jahr über sitzt er vor dem Fernseher – er ist ja Rentner und hat Zeit – (großes Gelächter) und schreibt sich auf, was so in der Welt passiert. Und an Fassenacht reimt er alles zusammen und trägt es uns zum allgemeinen Gaudium vor. Also: Wolle mir ihn roilasse, unseren guten alten BIMBES?“ Wieso hatte ich gehofft, dem alten Trottel mit der lächerlichen Kappe schalle ein lauthalsiges „NEIN!“ entgegen? Natürlich schrie alles „JA!“, ich ertappte mich sogar dabei, selbst die beiden Buchstaben zum Abschuss im Munde positioniert zu haben, doch die Rampe versagte gottlob ihren Dienst. Jedenfalls: Das „JA!“ war auch ohne meinen Beitrag laut genug und lockte den BIMBES auf die Bühne. Ich leerte die Flasche, sofort stand wieder der Kellner hinter mir und ersetzte sie durch eine neue.

Der BIMBES war ein kleines, zur Korpulenz neigendes Männlein etwa in meinem Alter, das, angetan mit einer Art Clownskostüm und dicker roter Plastiknase über die Bretter sprang und endlich in der sogenannten „Bütt“ landete. Die Musik, welche diesen Auftakt mit einem ebenfalls sogenannten „Narhallamarsch“ orchestriert hatte, verstummte schlagartig, die Aufmerksamkeit des Publikums war das, was man „gespannt“ nennt. Sogleich begann der BIMBES mit einer Stimme, die mir seltsam bekannt vorkam, einen Vers zu deklamieren:

„Ihr lieben Leut, hier steh ich nun / Ich hab gewiss genug zu tun / denn in der Welt da geht es zu / wie bei dem schwulen Winnetou.“ Eine Lachsalve wurde aus Hunderten von Kehlen in den Saal gefeuert und ermunterte den BIMBES zur Fortsetzung.

„Ich sage nur: der Euro krankt / die Merkel mit dem Sarko zankt / nur weil der Grieche, dieser Spast / ganz fröhlich unser Geld verprasst.“ Erneute Lachsalve, diesmal von bestätigendem Kopfnicken und bereits halbtrunkenen „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“-Kommentaren begleitet. Keine Frage, hier hatte ein Meister des gereimten Wortes das Publikum ergriffen und erklärte ihm die Welt. Irgendwie erinnerte mich der BIMBES an meinen alten Schulfreund Otto Sängerle, ebenso klein und dicklich, mit ähnlicher Quieckstimme, der damals, als wir noch in der Pubertät schwelgten, Mädchen mit Gedichten herumzukriegen gedachte. War ihm, soweit ich weiß, nie gelungen, dazu waren seine Verse nicht sexy genug gewesen.

Der BIMBES lief nun zu dichterischer Hochform auf und geißelte das Elend der Welt in gnadenlosen Endreimen. „Die Merkel, dieser Senf in Tuben / die treibts mit dem Franzosenbuben./ Der aber hat 1A Geschmack / und schwängert seine Alte, zack!“ Die närrische Zuhörerschar war hingerissen. Die Merkel! Senf in Tuben! Was für ein Bild! Der Sekt strömte nun wie die Elbe bei Hochwasser, die Kellner hatten alle Hände voll zu tun. Die Kapelle setzte zu einem dreifachen Tusch an, der BIMBES griff zu seinem Wasserglas und leerte es auf Ex, bevor er den nächsten Schuss auf die Weltpolitik abfeuerte.

„Die Politik, die hat nen Spleen./ Da lob ich mir den Sarrazin./ Der sagt halt mal was Sache ist/ wozu er keine Kreide frisst.“ Ich war hingerissen.

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