21.12.2011 -379-

Karneval. 500 Menschen, die mit zusammengekniffenen Arschbacken zwangsbelustigt werden, jedes flaue Witzchen gräbt sich wie ein Messerschnitt in die Visagen der tiefdekolletierten Damen neben ihren besoffenen Herren, jeder Tusch eine Todesmelodie, jedes „Helau“ oder „Alaaf“ eine Anrufung des schlechten Geschmacks. Na ja, sollen sie. Irgendwo, in einem Hinterzimmer der Psyche, wird es bestimmt einen triftigen Grund geben, warum Mensch diese Form des Amüsements braucht, es ist wohl der gleiche, der ihn dazu zwingt, nachmittägliche Richter- oder Kochsendungen im Fernsehen anzugucken. Muss mich nicht kümmern. Aber jetzt, genau jetzt, kümmerte es mich doch. Ich gehörte nämlich dazu –und man sah es schon von weitem.

Vika hatte mich genötigt, mit ihr zusammen einen Kostümverleih aufzusuchen. „Rein karnevalstechnisch bist du nämlich nackt“. Sie selbst ging als gute Fee. Ganz in goldenen Glitzerstoff gehüllt, wobei „gehüllt“ angesichts des erschütternden Mangels an Stoff wohl der falsche Ausdruck sein dürfte. Sie trug dazu einen spitzen, mit silbernen Sternen versehenen Hut sowie den obligatorischen Zauberstab, mit dem sie jedem drei Wünsche erfüllen konnte. Mir war klar, dass jeder Mann angesichts einer solchen Fee nur einen einzigen Wunsch äußern würde, den aber bitte dreimal hintereinander.

Ich verließ den Kostümverleih auf Krücken. „Kranker Euro“ hieß das Ensemble, eine Art blauer Schlafanzug, über und über bedeckt mit Eurozeichen, dazu die Gehhilfe in gleichem Design. „Sieht toll aus“, lobte Vika und überzeugte mich damit kein bisschen. Andererseits: Ich guckte so dumm aus der Wäsche, wie ich mich seit geraumer Zeit fühlte. Karneval diente also durchaus der Wahrheitsfindung.

Vor der Festhalle, in der das – natürlich – Event stattfinden sollte, hatte sich bereits eine Schlange gebildet, die im Gegensatz zur paradiesischen nicht den Obst-, sondern den Alkoholverzehr zu propagieren gedachte. Es stank nach Parfüm und Rasierwasser, Duschgel und Deodorant, man hatte sich für die schweißtreibende Veranstaltung mitmenschenfreundlich gewappnet, unter dicken Mänteln steckten festliche Fracks und Prunkkleider, wirklich kostümiert waren nur wenige, aber ich entdeckte unter den Wartenden nicht weniger als sieben „kranke Euros“. Soviel zur Originalität meines Aufzugs, es besänftigte mich ein wenig.

Wir hatten Glück – wobei „Glück“ ein sehr relativer Begriff ist – und ergatterten sogenannte gute Plätze in unmittelbarer Nähe der Bühne. Ich stellte meine Krücken an den Stuhl und setzte mich neben meine güldene Fee, die ihrerseits damit begonnen hatte, den weiblichen Teil der Besucher zu durchmustern. Der männliche Teil der Besucher seinerseits war voll damit beschäftigt, Vika zu durchmustern. Und ein Kellner, der als „Bajazzo“ verkleidet war, durchmusterte das leere Tischstück vor uns und fragte, was wir trinken wollten. „Bis 22 Uhr gibt es allerdings nur Sekt und Champagner, danach auch Cola, Bier, Spezi, Apfelschorle und Mineralwasser.“

Ich bestellte die preisgünstige Hausmarke, wobei – Überraschung – der Begriff „preisgünstig“ ebenfalls völlig fehl am Platze war, wie mir die Getränkekarte mitteilte. Der Saal hatte sich schnell gefüllt, schon glaubte ich das aus Schweißperlen generierte Kondenswasser zu spüren, das allüberall feuchtete, ein subtropisches Klima mit viel Platz nach oben. Am Ende säßen wir luftfeuchtigkeitsmäßig direkt auf dem Äquator und dazu noch neben einer vollaufgedrehten Heizung.

Musik. Ich hatte es befürchtet. DAS war es, was den Karneval zur achten großen Menschheitsplage machte: die Musik. Wobei der Begriff „Musik“…etc pp… die aufmerksame Leserin, der aufmerksame Leser kann den Satz selbstständig zu Ende denken. Eine Viermannkapelle war engagiert worden und begann mit ihrem diabolischen Tagwerk (wobei der Begriff Tagwerk…). Okay, neben mir saß eine leibhaftige Fee. Drei Wünsche. Erster: Lass bitte den Strom ausfallen, damit die Musik aufhört.

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