20.12.2011 -378-

„Sag mal, Bernie, wie ist das eigentlich, wenn man ermordet wird?“ Oh nein, dachte Bernie. Bitte keine Sterbephilosophie am frühen Morgen. In einem dunklen, kalten, feuchten Kerker, der Magen hängt in der Kniekehle, die trockene Zunge würde am liebsten das Wasser von den Wänden lecken. „Scheiße“, antwortete er. Jonny sinnierte dieser Antwort nach und sagte dann: „Hm. Dann haben wir im Leben viel Scheiße gebaut, ne? Ich meine… meistens haben wir ja auch nur damit gedroht, jemanden zu ermorden. Aber wenn das Ermorden schon scheiße ist, dann ist das Drohen damit auch nicht so dolle.“ Oh nein, dachte Bernie wieder. In Stress- und Krisensituationen neigten selbst die geistig Ärmsten dazu, sich aus dem Füllhorn der abendländischen Kulturgeschichte zu bedienen. Da wurden die Dümmsten zu Hegelianern und in hirnfreien Zonen standen plötzlich Schilder wie „Achtung, Kant!“ oder „Hier baut der kategorische Imperativ!“

Auch Bernie dachte nach. Weniger über die sieben Morde, die sein Gewissen nicht belasteten, waren sie doch nicht aus niederen Motiven begangen worden, sondern aus Gründen der Staatsräson. Für Bernie war die Gesellschaft eine Gartenlandschaft in englischer Manier, man duldete Unkraut, Wildwuchs und tierische Schädlinge, doch nur, wenn sie zum Ensemble des Gesamtkunstwerks gehörten wie die Gartenzwerge in den Vorgärten des Kleinbürgertums. Gerieten sie außer Kontrolle oder verweigerten sich der Kontrolle generell, waren sie zu entfernen.

Nein, Bernie dachte an all die Dinge, die er noch nicht getan hatte, auf die er sich freute, die er aber, wie es aussah, nicht mehr erleben würde. Fußball-Europameisterschaft 2012: Würde die junge deutsche Mannschaft genügend Moral und Kraft und Glück und fähige Schiedsrichter haben, um sich bis ins Finale durchzukämpfen und dort die allmächtigen Spanier schlagen? Wer schösse das entscheidende Tor? Klose? Müller? Özil? Schweinsteiger? Oder gar Badstuber? Bernie wanderte oft über Friedhöfe. Wenn einer 1965 verstorben war, hatte er nichts mehr vom berühmten Wembley-Tor (das natürlich keines war) mitbekommen. Arme Schweine, die 1989 den Löffel abgegeben hatten. Gerade vielleicht noch den Fall der Mauer mitgekriegt, aber keine Ahnung von Brehmes Elfmetertor im 90er Finale gegen Argentinien (bei dem Maradona nur durch zahlreiche Fouls auf sich hatte aufmerksam machen können). An solche Dinge dachte Bernie. An seine Rente auch. Ob sie wirklich reichen würde, man hatte ja die Hiobsbotschaften im Kopf und machte sich so seine Sorgen. An den Zustand der FDP. Ob er den jähen Fall der sogenannten Boygroup noch erleben würde? Er hatte sich so darauf gefreut.

„Was meinst du, Bernie? Ob es wehtut, wenn man ermordet wird? Kommt drauf an, wie, ne? Also wenn ich einen erschossen hab, hat der ja den Schuss irgendwie nicht gehört, oder? Hab ich mal gelesen. Das ist, weil die Kugel schneller fliegt als der Schall. Aber du musst natürlich genau treffen, ne? Damit der sofort tot ist, sonst erreicht ihn der Schall noch. Mit dem Messer weiß ich nicht. Da ist ja der Schall irgendwie nicht so wichtig. Oder was meinst du?“

„Ich meine“, antwortete Bernie gereizt, „du solltest jetzt endlich mal die Schnauze halten. Tot ist tot, egal wie. Sieh das mal wie ein ganz Kerl. Wer, glaubst du, wird eigentlich Europameister?“ Er interessiere sich nicht für Formel Eins, sagte Jonny und Bernie hätte ihn auf der Stelle erschlagen können. Auch etwas, bei dem der Schall keine große Rolle spielte. „Leck mich“, sagte er aber nur.

Schritte näherten sich. Aha, es war soweit. Der Henker kam. Er verharrte ein paar Sekunden vor der Tür, bevor er aufschloss, mit einer Taschenlampe ins Dunkel leuchtete, die beiden Insassen des Kerkers wurden vom Licht erfasst, ihre Augen kniffen sich zusammen. „Okay“, sagte Regitz und zog den Rotz hoch, „ziemlich ungemütlich hier. Sollten wir ändern, Jungs. Seid ihr bereit?“

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