18.12.2011 -376-

Der Kerl sah fürchterlich aus in seiner dreckigen Unterwäsche, mit seinem Turban aus Mullbinden, zwischen denen das graue gesplisste Haar fettig strähnte. Man konnte Mitleid entwickeln oder Abscheu, aber die beiden liegen sowieso dichter beieinander als man gemeinhin denkt. Jedenfalls lag dieser Konrad auf Irmis Wohnzimmercouch und stierte der fatamorganischen Oxana entgegen.

„Er guckt immer so“, sagte Irmi, „aber reden tut er nix. Total geschockt, Amnesie, andererseits ist das eh ein naturgesetzliches Weichei.“ Oxana trat näher, sagte „Hallo“, Konrad antwortete nicht. Seine Gedanken waren gerade weit weg, er sah durch die Kasachin hindurch. Und wo war Oxana in Gedanken? Vika. Gleich würden sie sich begegnen. Keine Ahnung, wie das enden würde. Komm, Oxana, mach dir nichts vor, du weißt genau, wo das enden wird. Vorsorglich hatte sie schon ihr Bett frisch bezogen.

„Erinnern Sie sich?“ fragte Oxana, „vergangene Nacht, heute Morgen? Das Blut, dieser Hof, die anderen?“ Sie hätte ihm noch 1000 Fragen mehr stellen können, Konrad würde keine einzige davon beantworten. Es war hoffnungslos.

„Mir sagt er auch nix. Manchmal murmelt er einzelne Wörter, man kann sie kaum verstehen und einen Sinn ergeben sie auch nicht. Wachstum, Meer, Wasser, Fische. So ein Zeug halt“: Sie gingen in die Küche und tranken Kaffee. Sie konnten nur hoffen, dass Konrad reden würde. Aber Oxana war nicht bei der Sache. Sie hatte sich dieses verbotene Kleidchen angezogen, in dem sie jämmerlich fror, ein Traum aus dank Elastan wie auf die Haut geklebtem Stoff, der alles betonte und nichts verbarg. Irmi hatte gelächelt, als sie Oxana geöffnet, diese ihr mitgeteilt hatte, gleich komme Vika vorbei. Eine alte Lehrerin konnte eins und eins zusammenzählen.

Dann kam Vika. Etwas verspätet, auch sie hatte sich umgezogen, trug jetzt diese dunkelblaue Lederhose wie Emma Peel damals. Sie begrüßten sich ohne Berührungen, nickten sich nur zu, sagten „hi“. Alles darüber hinaus hätte den Tatbestand der vollzogenen gleichgeschlechtlichen Vereinigung erfüllt. Wieder zählte Irmi eins und eins zusammen. Sie würde ihnen selbstverständlich ihr Schlafzimmer zur Verfügung stellen, wenn die beiden Mädels nicht würden warten können.

Erneut wurde Konrad besichtigt. „Armer Kerl“, stellte Vika fest, „habt ihr einen Arzt gerufen?“ „Nee“, antwortete Irmi, „der ist Altachtundsechziger, dem haben sie schon so oft was aufs Hirn gegeben, der braucht das. Arzt kann da nicht mehr helfen. Höchstens ne etwas weniger gewalttätige Ideologie.“ Sie gingen wieder in die Küche, tranken Kaffee, warteten. Es tat sich nichts.

„Heute Abend bin ich mit Moritz beim Karneval“, sagte Vika, um überhaupt etwas zu sagen. Sie konnte kaum sitzen, Oxana erging es genauso. „Beim Karneval?“ fragte sie und gab sich selbst die Antwort. „Ach so, ja, dieser Faschingsprinz.“ Irmi schaute von einer zu anderen, das war kaum noch zum Aushalten. Sie stand auf, „ich seh mal nach Konrad“, Konrad schlief und schnarchte, nicht das Schlechteste. Wieder zurück. Die Mädels rutschten auf den Stuhlen rum, das hatte Irmi zuletzt 1974 bei sich beobachtet, das letzte Zucken der Hormone, gewissermaßen. „Ich geh mal einkaufen. Bin bestimmt ne gute Stunde weg. Konrad pennt, der wird auch nicht wach, wenn ein Flugzeug aufs Dach fällt. Soll ich euch was mitbringen? Bleibt ihr zum Essen? Also, äh, ich bin dann mal weg.“

Draußen. Puh. Also mehr konnte sie jetzt wirklich nicht für die Mädels tun. Umgucken. Stand niemand Verdächtiges in der Nähe, niemand folgte ihr. Das hätte Irmi beruhigen müssen, gefiel ihr aber nicht. Wenn es uninteressant geworden war, die Gruppe im Auge zu behalten, musste irgendwas passiert sein. Wenn etwas passiert war, konnte man nur beten. Stillstand. Sie sehnte sich nach Stillstand. Nach zwei Fingern, die den Uhrenzeiger festhielten.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s