17.12.2011 -375-

Als uns Irmis Anruf erreichte, hockten wir gerade um den Küchentisch und ratschlagten. Blutspuren, verschwundene Menschen, Kühe und Schweine, die inzwischen ihre Schweigsamkeit beendet hatten und nach Atzung brüllten. „Müssen wir halt ran“, waren sich die Brachvogels einig gewesen, robuste Nachkriegsgeneration eben, und so schaufelten wir Stroh und Heu, Sieglinde Brachvogel bekannte sich zu einer bäuerlichen Jugend und melkte die Kühe mit erstaunlicher Routine. Danach stanken wir so, wie Schweine niemals stinken können, kochten uns Kaffee und, tja, ratschlagten eben. Das heißt: Wir hockten rum und schwiegen. Bis Vikas Handy klingelte.

Nach einer langen Reihe von „ahs“ und „ohs“ und „glaub ich jetzt nicht“ sagte Vika: „Tschüss, Irmi, ich komm gleich vorbei“ und sah uns an. Wir sahen zurück. „Irmi hat Besuch. Diesen Konrad aus der Kommune hier. Jemand hat ihm was auf die Rübe gegeben, der Bursche ist völlig traumatisiert und murmelt nur wirres Zeug. Irmi hat Oxana angerufen und die hat ihr gesagt, sie soll mich anrufen und Oxana und ich, wir treffen uns gleich bei Irmi. „Oh, oh“, duettierten die Brachvogels, „da wären wir gerne dabei.“ Ging aber nicht. „Wir setzen uns mal auf die Spur von Schnüffel. Bisschen in seinem sozialen Umfeld graben. Irgendwas werden wir da schon finden – und wenn’s die Leiche von diesem Typen ist.“ Die Brachvogels hatten Humor.

Wir fuhren zurück in die Stadt. Parkten den Wagen dort, wo wir ihn vorgefunden hatten, er werde diskret abgeholt, versprach das Detektiv-Ehepaar und verabschiedete sich. „Willst du wirklich allein zu Irmi? Soll ich nicht mitkommen? Wenn du hingehst, haben dich die Bullen im Visier.“ „Eben“, sagte Vika. „Das lässt sich nicht ändern, aber du musst ja nicht auch noch auf den Schirm von denen kommen. Schleich dich zu deiner Hermine, peil die Lage, frag, ob gestern Abend etwas in der Bauernschenke vorgefallen ist. Und…“ Sie sah mir tief in die Augen: „Überzeug sie davon, dass du nur auf sie stehst.“ Beugte sich vor, gab mir einen flüchtigen Kuss auf die Stirn, winkte mir noch zu, ich winkte zurück. Sah ihr nach, wie sie in einer Seitenstraße verschwand.

Und was tat ich dann? Kaffee trinken. Eines dieser vielen altmodischen, gemütlichen, halbdunklen Cafés, die Tag und Nacht von älteren Damen okkupiert werden, eine echte Protestbewegung, „hinweg mit Sahnetorte und Käsekuchen, packen wir es an!“. Ich bestellte mir – natürlich nur aus Solidarität mit den Wutbürgern – ein Stück Schwarzwälderkirsch, die Süße explodierte ohne Vorwarnung in meinem Mund und zerfetzte alle Gedanken an Blut und Tod. Ich schwamm auf den seichten Wellen des Geplappers und Geklappers, ich lag auf dem Rücken des Genusses und starrte in den kaffeedunklen Himmel. Das war pure Poesie. Das hieß: Ich hatte Angst.

Vor was? Egal. Vor allem. Vor der geballten Ladung Frohsinn, die mich heute Abend erwartete, wenn ich diesem merkwürdigen Karnevalsprinzen auf den Zahn fühlen würde. Vor dem, was dieser Konrad, so er endlich aus seinem Schockzustand heraus wäre, zu erzählen hätte, Geschichten von Mord und Totschlag. Davon hatte ich mehr als genug. Ich machte mich auf zu Hermines Wohnung und überlegte mir, wie ich sie unauffällig betreten konnte. Ging nicht, keine Chance. Anrufen. Sie war sofort dran. Ein wenig reserviert, das merkte ich sofort.

„Eigentlich hab ich keine Zeit. Nein, in die Wohnung kannst nicht kommen. Okay, ich könnte mal versuchen, aber keine Ahnung wann. Ja, in Ordnung, ruf später noch mal an. Ja klar, ich liebe dich auch.“

Wenn es im Januar draußen kalt ist: kein Problem. Wenn dazu noch innere Kälte kommt: dann fröstelt es mich. Ich lief zurück zur Russenwohnung, legte mich aufs Bett und dachte nach. Ich tat also nichts.

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