16.12.2011 -374-

Der Typ hatte sie eingekerkert. Durch den Stollen getrieben, mit der Knarre rumgefuchtelt, „los, schneller“ kommandiert, und irgendwann standen sie vor einer eisernen Tür, halboffen, durch die mussten sie und schwupps war die Tür hinter ihnen zu, ein Schlüssel wurde schwer und ächzend im Schloss gedreht, ein teuflisches „har, har“ war zu hören und dann das Verhallen von Schritten und dann nur noch das Tropfen von Wasser von den Wänden. Ruhe, Stille, kein Mucks, kein Mäuschen.

Was war das hier, was sollte das hier? Guantanamo? Irgendso ein Verhörcamp der CIA wie in Rumänien und anderswo? Oder ein Neonazi im Dienste des Verfassungsschutzes? Hörte man jetzt ja so oft. Jedenfalls machte Bernie „puh!“ und Jonny machte auch „puh“ und dann saßen sie halt rum. Auf dem Boden, denn ihr Gefängnis war vollkommen leer. Nichts zu essen, nichts zu trinken, kein Licht, kein gar nichts.

 

*

 

Kein Reingarnichts. In der Küche stand noch Geschirr auf dem Tisch, sah nach flüchtigem Nachtessen aus, Teller mit den Resten einer Art Fleischgemüseauflauf, wahrscheinlich alles frisch aus eigenem Stall, eigenem Garten. Vika machte „puh!“ und hielt ihre Pistole in Richtung Tür, denn von dort war ein Geräusch zu hören gewesen, dessen Verursacher, schon etwas mühsam, nun den Raum betraten. Sieglinde und Gernot Brachvogel, Altdetektive, er ebenfalls mit Knarre, sie mit einem kleinen Beilchen bewaffnet. Ich hätte beinahe gelacht, aber mir war nicht zum Lachen zumute. Dennoch: Ich war erleichtert. Die Vögel schienen ausgeflogen zu sein. Nein, glaubte ich irgendwie nicht. Dazu lag zuviel Tragödie, zuviel Geheimnis in der Luft.

„An der Hintertür siehts aus, als hätten sie dort ein Schwein geschlachtet“, informierte uns Sieglinde Brachvogel und schaute instinktiv auf ihr Beilchen. Jetzt sahen wir auch, dass auf den Küchenfliesen vereinzelte dunkle Flecken waren, eingetrocknetes Blut wohl. „Alles durchsuchen“, sagte Vika und sofort schwärmte das Trio der professionellen Ermittler aus. Mir schwindelte leicht, ich setzte mich auf einen Stuhl, blickte über den Tisch mit seinen Zeugnissen einer vielleicht letzten genossenen Mahlzeit.

Wenigstens fünf Menschen hatten sich hier gestern Abend versammelt, hatten zusammen gegessen, zusammen geredet, sich vielleicht gestritten. Dann war etwas geschehen, Blut auf dem Boden, noch mehr Blut an der Hintertür. Ich hatte das Gefühl, mitten in einen Krimi von Henning Mankell geworfen worden zu sein, Massenmord als selbstverständliche Zutat zu meinem Leben. Ich wollte da raus. Abhauen. Nichts mehr mit allem zu tun haben. Ins nächste Reisebüro gehen, vier Wochen, nein, acht Wochen Überwintern auf Malle buchen, lange Spaziergänge am Strand, schon am frühen Morgen mein Handtuch auf der besten Liege am Hotelpool parken, damit die Engländer, die Ausbeuter der europäischen Idee, diese Idioten des Finanzmarkts, wieder etwas hatten, worüber sie sich empören konnten. Der ganz normale Wahnsinn. Nicht den hier. Nein, nein.

 

*

 

Der Konrad! Das war der Konrad! Blutete wie ein Schwein, Platzwunde am Kopf, taumelte benommen in den Flur, an Irmi vorbei, als sehe er sie gar nicht. Sagte dann aber: „Irmi, Irmi, hilf mir, ich sterbe!“ Irmi schnaufte. Männer! Platzwunde! Sah sie auf den ersten Blick: Recht harmlos. Leichte Gehirnerschütterung, okay, das mochte noch angehen. Aber sonst? Der Kerl hatte einen Schock. Woher hatte der einen Schock? Sie seufzte. „Komm mit ins Bad, dort hab ich meinen Erste-Hilfe-Kasten.“

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