15.12.2011 -373-

Das Paradies. Adam und Eva, beide nackt. Keine misslaunigen Nachbarn, kein Arbeitszwang, bedingungsloses Grundeinkommen in Naturalien, sozusagen, nimm dir, was du brauchst, nur nicht die Äpfel. Das Böse ist ein Reptil, erkennt man also leicht. Nur Sommer, Sonne, Blumenwiese. Keine bösen Gedanken, dafür pures Glück. Und natürlich Langeweile. Aber das wissen Adam und Eva noch nicht, weil sie die Welt außerhalb des Paradieses nicht kennen. Kriesling-Schönefärb kannte sie. Aber dachte gerade nicht daran. Auch nicht an Schlangen oder Obst. Er schwelgte in den Wonnen des Paradieses, das neben ihm lag und in tiefen Atemzügen träumte. Von ihm? Von wem sonst. Oder doch von Äpfeln und Reptilien. Von der Vertreibung.

Er hatte eine gute, wenn auch antiquierte Erziehung genossen. Kultur ist der bessere Sex, Autoerotik ein unverzeihlicher Rückfall in die Vorindustrialisierung, in den Feudalismus der Lust, Pornografie die Intelligenz der Dummen. Bis in die turbulenten Jahre seiner Postpubertät hinein war Kriesling-Schönefärb davon überzeugt gewesen, es gäbe zwei Arten von Fortpflanzung. Die eine, gewöhnliche, für die triebhafte Masse ohne Kenntnis der kulturellen Befruchtung, und die andere, bei der sich Samen und Eizelle auf unergründlichen, wunderbaren Wegen zusammenfinden, wenn zwei Menschen, Mann und Frau, eine halbe Stunde über Marcel Reich-Ranickis neuesten Walser-Verriss diskutierten oder einander das Feuilleton der ZEIT vorlasen. Aus einem Zeugungsakt der letztgenannten Art war er, Kriesling-Schönefärb hervorgegangen.

Gut, inzwischen wusste er es besser. Hatte auch die Lüste der gemeinen Menschen schätzen gelernt, in Maßen, aber nicht weniger intensiv. Und Reich-Ranicki erschien ihm zur Beförderung der Triebe nicht mehr sehr geeignet. Pornografie lehnte er aber weiterhin ab, das war Günter Grass. Und, Nobelpreis hin, Nobelpreis her, mit Kultur hatte das nichts zu tun. So lag er nun auf dem Rücken auf der Matratze, die Hände am Hinterkopf in Bethaltung, sah zur Decke und schwelgte in jüngsten Erinnerungen an die vergangene Nacht, an den Liebesakt mit Sonja Weber, ohne dass der dabei in Endlosschleife abgespulte Film zum pornografischen Clip degenerierte. Ihre Körper vereinigten sich künstlerisch-ästhetisch, sie waren ineinanderfließende Formen, bewegliche Geometrie, Labsal für die Optik, Bauhaus der Gefühle. Der krönende Orgasmus ein dröhnender Doppelschlag, auf die Zehntelsekunde synchronisiert, zwei zivilisiert domestizierte, langgezogene „Ah!“s, so leise wie möglich, um den Schlaf der Hausbesitzerin nicht zu stören, auch wenn diese behauptet hatte, selbst randalierten Einbrechern würde es nicht gelingen, sie zu wecken.

Das Paradies, genau. Ein Ort ohne Zeit, auch das. Ohne den Gedanken an den Tod, natürlich. Ein einziger Strom wohliger Zärtlichkeit, auf dem man flussabwärts schaukelte, einem Meer der Seligkeit zu. Draußen? Uninteressante Dinge. Es war sehr still geworden in Großmuschelbach, die Raver schliefen, ihre Musik schwieg, es lag Ernüchterung über dem Ort, Vergänglichkeit. Ob es hier eine Bäckerei gab, die schon geöffnet hatte? Vorsichtig rollte er sich auf die Seite, stieg aus dem Bett. Er war nackt, es kümmerte ihn nicht. Er ging ins Bad, seine Kleider über dem Arm, er wusch sich flüchtig, zog sich an. In der Küche war noch niemand. Er kochte Kaffee. Suchte und fand einen Einkaufsbeutel, ging aus dem Haus, dem Zentrum Großmuschelbachs zu. Eine Bäckerei. Sonja ein Frühstück ans Bett bringen, sich küssen, schmusen, darauf warten, bis… Das wäre das perfekte Glück.

Als Sonja Weber erwachte, lag sie alleine im Bett. Sie starrte gegen die Decke. Das war die Hölle, sie wusste es. Überall züngelten Flammen, sie wich ihnen aus. Wahrscheinlich war er im Bad. Oder besorgte Frühstück. All die romantischen Reflexe eben. Sie stand auf, nackt, sie verweigerte sich den Erinnerungen. Er war nicht im Bad. Er war nicht in der Küche, aber der Kaffee schon gekocht. Sie setzte sich an den Tisch und trank. Im Schlafzimmer klingelte ihr Handy.

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