14.12.2011 -372-

Inzwischen war es Tag geworden, ein blau durchwebter grauer Morgen in Weiß, man hätte jubilieren können. Wir taten es nicht. Vika schaltete den Motor ab, es wurde still im Wagen, vier Insassen bemühten sich um gleichmäßige Atmung. Dann sagte Vika „so“ und wir stiegen aus. Der Bauernhof lag, wie es zum Auftakt idyllischer Erzählungen immer heißt, verlassen da oder, wie es zum Auftakt von dramatischen Schauergeschichten immer heißt, er empfing uns mit trügerischer Ruhe, hinter der bereits das Unheil drohend wartete. Wir schritten langsam auf das Wohngebäude zu.

„Hintereingang“, flüsterte Gernot. Sieglinde nickte und das Ehepaar Brachvogel schlich linkerhand ums Hauseck. Wir warteten eine Minute, flach atmend, die Ohren dem Inneren des Wohngebäudes zugekehrt. Nichts zu hören. Überhaupt: Von nirgendwo her kamen Geräusche, sogar die Bewohnerinnen und Bewohner des Kuh- und Schweinestalls hielten sich an die Totenruhe. Totenruhe?

Ob die alle noch schliefen, Menschen wie Tiere? Kaum anzunehmen. Das hier war ein landwirtschaftlicher Betrieb. Etwas stimmte also nicht, etwas war außergewöhnlich und genau das machte es in diesen turbulenten Zeiten ziemlich gewöhnlich. Die Welt schien auch im Kleinen aus den Fugen geraten.

 

*

 

Herrlicher Morgen, dachte Irmi. Noch im Schlafanzug, noch nicht ganz wach, der Duft aufbackender Brötchen verbreitete sich. Man konnte fast meinen (ganz windelweiches Deutsch, aber was solls), alles sei nur ein böser Traum gewesen. War aber wohl genau andersrum. Ein schöner Traum von kurzer Dauer, nicht mehr als ein Aufflackern psychischer Abwehrgefechte, wie man sie von Menschen in höchster Verwirrung und Gefahr nicht anders kennt. Du wirst gerade systematisch verarmt und was tust du? Sitzt rum, in der Kneipe, im Zug, im Büro, und ereiferst dich über die potentiellen Kandidaten für die Nachfolge des ausscheidenden Moderators einer Wettshow. Klimawandel? Der Modewandel ist spannender. Im Frühjahr wird man rosa tragen! Wie aufregend!

Tja, sagte sich Irmi, so ist das. Aber sei’s drum. Für ein paar Minuten delektierte sie sich an der Winterlandschaft, dem flachen Licht, das über den Schnee huschte und aus monotonem Weiß Variationen von Weiß machte. Apropos: Was machten eigentlich die Bewacher vor dem Haus? Irmi öffnete das Fenster, sah hinunter. Niemand da.

Fenster schließen. Die Brötchen. Mit spitzen Fingern auf den Teller legen, dazu selbstgemachte Marmelade, frische Butter. Dampfender Kaffee. Nein, jetzt bloß nicht das Radio anmachen, geht sonst alles den Bach runter, wenn sie wieder Vivaldi fiedeln oder diese Gaga quengeln lassen. Ruhe. Ruhe. Ruhe. Okay, ein paar Vöglein dürften jetzt schon singen. Taten sie aber nicht.

Es klingelte an der Tür. Irgendwie wusste Irmi sofort, dass damit der schönere Teil des Tages vorbei sein würde. Sie schlurfte zum Fenster, öffnete es, sah abermals hinunter. Auf wirres, zum Pferdeschwanz gebundenes Haupthaar, in dem es rot glänzte. Strähnchen? Wäre geschmacklos, aber harmlos gewesen, nur: Es waren keine Strähnchen. „Ja?“ rief Irmi. Der Kopf unten legte sich in den Nacken, ein Gesicht, ein verzerrter Mund, aus dem es röchelte. Oh, mein Gott.

 

*

 

Vika zog die Pistole. Stellte sich neben die Tür, hob ein Bein, drückte mit dem Fuß gegen das Holz. Es gab nach, die Tür war offen. So beginnt in Kriminalromanen immer der dramatische Teil.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s