12.12.2011 -370-

Während der Fahrt wurde das Ehepaar Sieglinde und Gernot Brachvogel gesprächiger. Vierzig Jahre im Dunstkreis untreuer Eheleute und entlaufener Teenager, hinterhältiger Industriespionage und, leider nur gelegentlich, krimigemäßen Schnüffels in mysteriösen Mordfällen, „1970, junger Mann, das waren noch ganz andere Zeiten, da war Ehebruch noch ein Kapitalverbrechen!“ Ich dachte mit Schaudern daran. „Man glaubt gar nicht, was man so alles erlebt in diesen diskreten Hotels, wenn die Mama mal fremdgeht und plötzlich zur Femme Fatale wird.“ Gernot Brachvogel schwelgte in Erinnerungen. „Und diese Verlockungen! Wenn wir gewollt hätten…“ „…hätten wir als Erpresser fein raus sein können“, ergänzte Sieglinde Brachvogel, „aber wir waren immer ehrlich, das können Sie uns glauben. Nicht wahr, Vika?“

Die outete sich als ehemalige Auszubildende in der Agentur Brachvogel, „erstes Haus am Platz“, wie Gernot stolz bemerkte. „Unsere Musterschülerin“ lobte der Alte und fügte, als Vika errötend zum Widerspruch ansetzte, hinzu: „Doch! Weil du alles mitbringst, was man in diesem Gewerbe braucht: Integrität und Disziplin, ein helles Köpfchen und das nötige Durchsetzungsvermögen, geistige wie körperliche Flexibilität und einen robusten Magen. Hab ich was vergessen, Sieglinde?“ „Schönheit“, sagte die. „Alles Eigenschaften, die ER nicht hat, weiß Gott nicht.“

Schnüffel. Ein weiterer Eleve der Brachvogels, wie ich staunend erfuhr. „Ja, schon, aber den haben wir nach drei Monaten wieder vor die Tür gesetzt. Ein schmutziger und unzuverlässiger Charakter, hat unsere Sekretärin geschwängert, wollte eine Kundin erpressen und überhaupt. Konnte froh sein, dass wir ihn nicht angezeigt haben!“

Aber hatte nichts geholfen. Da sich jeder mit gutem Leumund Privatermittler nennen kann, war Schnüffel in die Selbstständigkeit gegangen. „Ein Skandal“, zischte Gernot. Wir waren ihn los, aber die Welt hatte ihn weiter an der Backe.“ „Und Sie auch bald wieder“, schoss ich messerscharf ins Blaue (die Schrägheit meiner Bilder war mir vollkommen egal). Die Brachvogels nickten bitter. „1996, der Fall Diepenhorst. Banale Sache eigentlich. Unsere Klientin, eine Frau Juliette Diepenhorst, verdächtigte ihren Mann des Ehebruchs. Nicht unbegründet, wie wir schnell herausfanden. Er traf sich mit einer verheirateten Ulla Krings, beide schon älter, das typische Abenteuer, wenn man glaubt, etwas verpasst zu haben. Abgelegenes Hotel, jeden Freitagvormittag, dieser Diepenhorst war Versicherungsvertreter, die Krings Hausfrau, ihr Gemahl Regierungsrat im Innenministerium. „Und dieser Krings“, führte Sieglinde weiter aus, „hatte ebenfalls Lunte gerochen, was die eheliche Treue seiner besseren Hälfte betraf. War zu einem Kollegen gegangen…“ „Schnüffel“, schloss ich ein weiteres Mal messerscharf.

„Klar doch“, bestätigte Gernot. „Haben wir sofort gemerkt, der Bursche war schon immer ein hundsmiserabler Detektiv. Hängt im Baum vor dem Fenster des Hotelzimmers, in dem der Vorgruftisex vollzogen wurde, teure Kamera mit fettem Teleobjektiv, macht seine Bildchen und zieht von dannen. Ok, sollte er. Wir machten unseren Job, alles haarklein belegt, händigten die Beweise unserer Auftraggeberin aus, Fall erledigt. Dachten wir.“

Die Stadt hatten wir glücklich verlassen und näherten uns der Landkommune Antonio Gramsci. Mir wurde immer mulmiger. „Aber ein paar Wochen später haben wir zufällig in der Zeitung gelesen, dass die Ehefrau des Regierungsrats X. Selbstmord begangen hatte. Bei uns schrillten sämtliche Alarmglocken. Wir haben etwas recherchiert und herausgefunden: Die arme Frau ist erpresst worden! Von wem? Dreimal dürfen Sie raten! Aber man konnte dem Schwein nichts nachweisen. Aber heute bekommt er die Rechnung präsentiert. Sieglinde? Knarre überprüft? Gesichert? Wunderbar. Ich hab seit fünf Jahren nicht mehr geschossen, wird Zeit, dass ich das ändere.“

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