11.12.2011 -369-

War da nicht eben ein Geräusch gewesen? Im Flur, an der Tür, vor dem Fenster? Kriesling-Schönefärb hielt den Atem an, schloss die Augen, lauschte. Alles ruhig. Er war übermüdet und verwirrt, jetzt hörte er noch Geräusche, die keine waren, bald würde er Stimmen hören. So begann das Verrücktsein. Er brauchte Schlaf, aber er fand keinen.

Die Handakte der Bundeskanzlerin hatte er durchgearbeitet, sich Notizen gemacht, um so etwas wie einen roten Faden in der Hand zu haben, ohne den die Geschichte nicht funktionierte. Es gab Blätter mit handschriftlichen Aufzeichnungen, flüchtig hingekritzelte Stichworte, schwer, ja kaum zu entziffern. Immerhin vermochte Kriesling-Schönefärb nun den geplanten Ablauf der Aktion Geldvernichtung zu rekonstruieren, eine Parallelveranstaltung gewissermaßen. Während in Island unter Laborbedingungen die geldlose Ökonomie durchgespielt wurde, fuhr man im EU-Europa den Karren vollends in den Dreck. Eine Spekulationsspielwiese namens Rettungsschirm, auf der sich „die Märkte“ kurzfristig gesundstoßen konnten, dann Eurobonds, die keiner haben wollte. Deutschland wurde von den Ratingagenturen nach und nach auf Ramschniveau hinabgestuft, die Europäische Zentralbank sprang ein und druckte Geld, bis das Gespenst Inflation an die Tür des europäischen Hauses pochte und „huhu“ rief. Ein halbes Jahr würde das dauern. Genügend Zeit für die Spekulanen, eine Menge Schrottpapiere anzuhäufen, vom Staat entschädigt zu werden. Dann der Crash. Zuerst stürzt der Euro, dann das Geld überhaupt, es beginnt eine Phase der Tauschwirtschaft und der Schwarzmärkte, der Zigarettenwährungen. Europa wird islandisiert, hoffentlich waren bis dahin auf der Nordinsel verwertbare Ergebnisse registriert, nützliche Erkenntnisse gesammelt worden. Einführung einer Notwährung, Verabschiedung eines Nothaushaltes, die Spareinlagen gehen verloren (gut für die Banken), die Schulden werden abgeschrieben (gut für die Banken). Punkt. Das war wie nach einem Krieg – und dann konnte alles von vorne beginnen. Währungsreform. Der Euro wird wieder eingeführt, heißt aber anders. Eine Namensfindungskommission war schon eingesetzt worden, aktueller Vorschlag: MUNDO, denn die neue Währung sollte über kurz oder lang global gelten, von Feuerland bis zum Nordkap, von San Francisco bis Tokio. Jeder Weltbürger würde 40 Mundo (etwa 20 Euro) erhalten, nur die Schrottpapiere der Banken und Fonds und Spekulanten würde man zum Nennwert zurückkaufen, ebenso Immobilien- und Firmenvermögen unangetastet lassen und in voller Höhe abfinden. Die Wirtschaft musste schließlich wieder auf Touren kommen, oder?

Das war verrückt. Nicht er war verrückt, die Welt war es. Und weil sie es war, wurde er es auch. Er brauchte eine Pause. Da – wieder ein Geräusch. Diesmal vorm Fenster, sogar eine kurzer Streit, Stimmen – entweder drehte er jetzt durch oder aber – Er stand auf, er musste nachschauen, Gewissheit haben. Öffnete seine Tür, trat auf den Flur, schrak zurück. Vor ihm stand Sonja Weber, in einem Hauch von Nichts von Nachthemd, transparent, ein Höschen darunter, sonst – Fehlanzeige. „Haben Sie – hast du das auch gehört?“ Kriesling-Schönefärb hörte fasziniert seiner Stimme nach, die nicht seine Stimme war. So hoch, so vibrierend. Sonja Weber sah ihn erstaunt an. „Was gehört?“ „Die Geräusche. Draußen. Vor meinem Fenster. Jemand hat etwas gesagt, jemand anderes geantwortet. Ganz gewiss.“

„Nein“, sagte Sonja Weber ruhig, sie habe nichts gehört. Sie habe nur Durst, sie könne nicht schlafen. Er offensichtlich auch nicht. Kriesling-Schönefärb machte einen Schritt zur Tür, Sonja Weber legte ihre Linke um seinen rechten Oberarm, flüsterte: „Bleib. Es ist nichts. Du bist nur müde, du brauchst Schlaf.“

Sie sah ihn an und Kriesling-Schönefärb wurde auf einmal hellwach. Sie verstärkte den Druck ihrer Finger, sie machte einen Schritt zurück, zog den Mann zu sich heran, machte noch einen Schritt zurück, noch einen. Ihr Schlafzimmer.

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