10.12.2011 -368-

Vika führte eine Reihe von Telefongesprächen und verkündete schließlich, sie habe einen Wagen organisiert, er stehe am Rande der Fußgängerzone für uns bereit, „Zündschlüssel steckt, aufgetankt ist auch.“ Ich war beeindruckt, die Detektivin erwies sich als gut vernetzt, sogar ganz ohne Facebook. Sie hatte die richtigen Freunde und musste nicht ständig auf einen „Gefällt mir“-Daumen klicken.

Die Waffe in meiner Jackentasche machte mich nervös. Würde ich sie notfalls benutzen? Auf einen Menschen zielen, abdrücken, ihn töten? Notwehr, aber das sagt sich so leicht. Dass wir in einer Welt des Fressens und Gefressenwerdens leben, kein Mitleid haben dürfen, schneller sein müssen als die anderen, die uns Böses wollen – auch das sagt sich leicht. Ich beschloss, das Thema zu verdrängen, was zur Folge hatte, dass ich an nichts anderes dachte, als wir durch den langsam sich erhellenden Morgen schritten, auf ungeräumten weißen Trottoirs, mit knirschendem Schnee unter den Sohlen, an längst von spritzendem Schneematsch heimgesuchten Straßen entlang. Schweigsam, in uns gekehrt, Szenarien dessen im Kopf, was uns in der Landkommune Antonio Gramsci erwarten würde. Ein brutaler Showdown wie im Western.

Wir strebten unserem Ziel nicht auf direktem Wege zu. Vika erteilte mir eine kostenlose Lektion in professioneller Detektivarbeit, wie erkenne ich Verfolger und wie schüttele ich sie ab, stand auf dem Stundenplan. Wir liefen kreuz und quer durch die Altstadt, ergötzten uns an Schaufensterinhalten, Vika wandte bisweilen den Kopf auf sehr natürliche Art in alle Richtungen, bewunderte Hausfassaden, wies nach oben, nach unten, nach links, nach rechts. Wir waren harmlose Flaneure, Shopper, Betrachter. Endlich sagte sie: „So. Niemand ist hinter uns her“ und fünf Minuten später standen wir vor einem cremefarbenen Golf. Der Schlüssel steckte wie versprochen.

Wenn ich geglaubt hatte, Vika würde das Auto stadtauswärts lenken, sah ich mich getäuscht. „Wir holen noch jemanden ab“, sagte sie, „du glaubst gar nicht, wie vielen Kollegen es eine Herzensangelegenheit ist, mit diesem verfluchten Schnüffel abzurechnen. Vier Kanonen sind besser als zwei“. Auch das typische Westernmanier, dachte ich, war aber froh, dass wir Schützenhilfe bekommen würden.

Am Rand der Straße stand ein älteres Paar, erkennbar über 70. Vika bremste neben ihnen, vielleicht hatte sie sich verfahren und wollte nach dem Weg fragen. Tat sie aber nicht. Das Paar stieg wortlos ein, setzte sich auf die Hinterbank, der Mann brummte ein „Moin“, die Frau nickte nur. „Das sind Sieglinde und Gernot Brachvogel“, stellte mir Vika das Pärchen vor, „die Doyens der hiesigen Ermittlerszene, wie man so sagt“. Wieder brummte der Mann und die Frau sagte: „Ich hab schon fast nen Abgang, wenn ich dran denke, was wir gleich mit Schnüffel anstellen. Danke Schatzi, dass du uns an dem Spaß teilhaben lässt. Bist du auch vom Fach, Junge?“

Die Frage galt mir und verwirrt nickte ich. Stimmte ja auch. Irgendwie. „Nachwuchs“, kicherte Vika, die den Wagen nun endgültig stadtauswärts lenkte. Der Mann hinten brummte wieder, seine Frau wiederholte das Brummen, bevor sie sagte: „Hoffentlich habt ihr saubere Kanonen dabei. Schon ne Ahnung, was wir mit eventuellen Leichen machen? Hast ne Spedition beauftragt?“

Mir wurde Angst und Bange. Vika lachte nur. „Klar, hab ich. Lucie und Mechthild warten auf meinen Anruf und kommen im Fall des Falles zwanglos mit ihrem großen Lieferwagen vorbei. Ist nur bissel problematisch, bei dem Wetter Leichen im Weiher zu versenken. Sind ja alle zugefroren. Aber du kennst ja Lucie und Mechthild, denen fällt immer was ein.“

Mir fiel gar nichts mehr ein. Ich wurde fatalistisch, was ich schon immer gut gekonnt hatte, und ließ mich treiben. Genauer gesagt: Fahren. Einem ungewissen Schicksal entgegen.

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