09.12.2011 -367-

Auf Zehenspitzen im Flur. Der war gefliest, was gut war und schlecht. Gut, weil man geräuschlos schleichen konnte, schlecht, weil die Fliesen eiskalt waren und somit Erkältungen und üble Blasenentzündungen drohten. Aber Killer, die solchen Gefahren ausgesetzt waren, hatten einen gesetzlichen Anspruch auf Sondervergütung und Übernahme der ärztlichen Behandlungskosten.

Vor dem Zimmer, hinter dessen geschlossener Tür Kriesling-Schönefärb am Schreibtisch hockte und las. Bernie zog das Messer aus der Tasche, Adieu, Verräter, in zehn Sekunden bist du tot. Jonny würde die Klinke drücken, dann die Tür aufstoßen. Bernie würde ins Zimmer huschen, dabei die Messerklinge hervorspringen lassen und diese exakt in Kriesling-Schönefärbs Herzgegend rammen, dorthin, wo gerade die letzte Runde aufgeregten Pochens eingeläutet worden war, wo sich die Aufgewühltheit über die politische Lage und der angesichts einer im Nebenzimmer schlafenden Sonja Weber wie verrückt hampelnde Liebeskasper trafen, um herzklopfmäßig mal so richtig auf die Kacke zu hauen.

Eine Bundeskanzlerin, eine hübsche Frau. Natürlich waren wieder einmal die Frauen an allem schuld, denn nur die Frauen halten das Herz des Mannes am Schlagen, bis es – auch wegen den Frauen – irgendwann seinen Dienst einstellt. Also. Bringen wir es hinter uns, dachte Bernie. Dein Job, Jonny. Jonny?

Der sollte doch jetzt seine Rechte auf die Klinke legen und drücken. Tat er aber nicht. Bernie fluchte sich innerlich eins. Dass der Typ weit unter seinem intellektuellen Niveau siedelte – geschenkt. Damit hatte Bernie leben gelernt. Es gab genügend privaten Ausgleich, den geistreichen Austausch von tiefen Gedanken mit Freunden bei einem kultivierten Glas Wein, „Das philosophische Quartett“ im ZDF oder ein interessantes Buch – Bernie freute sich schon mächtig auf Dieter Paul Rudolphs für das Frühjahr angekündigten neuen Krimi „Der Bote“, dessen Untertitel „Ein Science-Fiction-Krimi aus der guten alten Zeit“ sehr ansprechend klang und jene geistige Atzung für die nach einer solchen heischenden Killerseele versprach, deren Inhaber jobmäßig an einen Flachspacken wie Jonny gekettet war. Diesen Jonny, der wenigstens seine Arbeit ordentlich erledigte, aber nun eben nicht, denn die Klinke blieb ungedrückt. Bernie wandte ärgerlich den Kopf.

Und blickte auf Jonnys Kopf. An dessen rechte Schläfe etwas aus Metall gedrückt wurde. Ein Revolverlauf. Jonny schwitzte fürchterlich, das war nicht zu übersehen, Bernie begann ebenfalls zu schwitzen, das war ihm nicht zu verdenken. Er schwenkte seine Augäpfel am Lauf des Revolvers entlang, bis er das Gesicht eines Mannes erblickte. Ein feistes, brutales Gesicht, aus dem es hämisch grinste.

Hm. Tja. Dumm gelaufen. Arschkarte gezogen. Bernie erinnerte sich wehmütig – aber natürlich zu spät – an die vor wenigen Monaten angebotene Fortbildungsveranstaltung „Was tun, wenn die Kacke am Dampfen ist?“, die er und Jonny natürlich nicht besucht hatten. Vielleicht hatte man dort gute Ratschläge parat gehabt, wie sich in Situationen wie der aktuellen zu verhalten war. Ruhig bleiben, selbst hämisch grinsen, flüstern: „Dreh dich nicht um, Arschloch, hinter dir steht einer von uns und murkst dich gleich ab“ – und dann dreht sich Arschloch natürlich nach der imaginären Bedrohung um und zack, schon haut man ihm die Knarre aus der dummen Hand und alles ist wieder gut.

Dieser Typ sah nicht so aus, als fiele er auf derlei Spielchen herein. Ein Profi wie man selber, leider gerade in der besseren Ausgangssituation. Schon ein wenig älter, aber das bedeutete auch: mehr Erfahrung. Er machte eine flüchtige Bewegung mit den Augen und Bernie wusste genau, was die bedeutete: Steck das Messer ein, Junge, und dann gehen wir ganz langsam hier raus. Und zwar auf Zehenspitzen, wie wir auch hier reingekommen sind. Gibt ne Blasenentzündung, aber scheiß drauf. Vielleicht hast du Glück und erlebst gar nicht mehr, wie sie ausbricht.

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