08.12.2011 -366-

Als ich am Morgen in den Spiegel schaute, starrte mich ein Untoter an und sagte entsetzt: „Du siehst ja noch beschissener aus als ich!“ Dabei verzog er seine unrasierte Visage, die tiefen Falten um Mund und Nase zuckten nervös. Ich erwiderte ein zünftiges „Halt die Fresse!“ und wandte mich ab. Schon recht. Ich sah nicht nur fürchterlich aus, ich fühlte mich auch so. Der Untote war längst geflohen.

Kennt jemand die Geschichte von dem Mann, der eines Morgens aufwacht und feststellt, dass er ein Käfer geworden ist? Die Verkäuferin in der Bäckerei schien sie zu kennen, denn sie musterte mich, als sei ich ein ekliges Insekt. Kam mir jedenfalls so vor. Ein Insekt mit einer Vorliebe für bestäubte Plunderstückchen, eine Küchenschabe, die noch ein Exemplar der Lokalzeitung mitnimmt. Und dann, vorsichtig um sich blickend, zurück in die Sicherheit der Wohnung krabbelt. Gottlob war zu dieser frühen Stunde noch kein Kammerjäger unterwegs.

Vika schlief. Ich trank meine erste Tasse Kaffee, aß ein halbes trockenes Brötchen und vertiefte mich in unser örtliches Käseblatt. Lokalnachrichten. Der Vorsitzende des Vereins der Numismatiker hatte Selbstmord begangen, nämlich eine Krüger-Rand-Münze verschluckt. Zufall? Halligalli in Großmuschelbach, „ein Musterbeispiel für die moderne Dienstleistungsgesellschaft im Zeitalter der Globalisierung“, das übliche Blabla einer auf dem Feld der Journalistik dilettierenden Hausfrau oder eines unausgelasteten Verwaltungsangestellten. Drei Hunde und fünf Katzen entlaufen, eine Schildkröte zugelaufen, sie hörte auf dem Namen Penelope. In der Fußgängerzone war ein Fachgeschäft für Masochistenbedarf eröffnet worden, der Bürgermeister hatte Blumen überreicht und bei dieser Gelegenheit sein „Spiegel“-Abo verlängert. In der Mehrzweckhalle Queischenheim die alljährliche große Prunksitzung des Karnevalsvereins, Anwesenheit der gekrönten Tollitäten Prinz Karl-Heinz und Prinzessin Bianca, heute Abend, es gab noch Restkarten. Aha. Der nächste Termin.

Geräusche im Wohnzimmer und drei Minuten später wankte Vika in die Küche. Ich hatte am Vorabend satanischerweise die Heizung hoch gedreht, Vika trug nur Höschen und Unterhemd, es störte sie nicht. Mich noch weniger. Sie setzte sich, ich schenkte ihr Kaffee ein, sagte: „Heute Abend feiern wir Karneval. Du brauchst eine Kostümierung, ich gehe so, wie ich bin. Als eine Kreuzung von Mistkäfer und verwachsener Waldameise.“ Sie betrachtete mich flüchtig und nickte. Griff sich den überregionalen Teil der Zeitung, stöhnte schon bei der Schlagzeile „Kaiser kehrt aus dem Exil zurück – kein Öl mehr im Haupthaar“. Murmelte: „Hab gestern Nacht noch mit Oxana telefoniert. Die haben Verbindung nach Island.“ Erzählte mir die Geschichte, ich nickte resigniert. Die große Maschine lief auf Hochtouren, wir waren nur ein Körnchen Sand im Getriebe, man würde uns kaltlächelnd wegpusten.

So luxig und protzig die russische Wohnung auch war, sie hatte nur ein Badezimmer, das Vika und ich uns teilen mussten. Allerdings verstand sie unter „teilen“ etwas anderes als ich, keineswegs die gleichzeitige Anwesenheit zum Behufe der Körperreinigung, der eine völlige Befreiung von Kleidungsstücken vorangeht. Also ließ ich ihr enttäuscht und schlechtgelaunt den Vortritt, hörte dem Jubeln des Duschwassers zu, dem aber bald das Lachen vergehen würde, wenn es sich über meinen geschundenen Körper ergösse. Noch einen Kaffee trinken, das letzte Stück Brötchen träumerisch kauen.

Was lag an? Ein Besuch in der Landkommune Antonio Gramsci, natürlich, von Vika war das abgenickt worden. Ein Besuch der brachialen Art, die Detektivin hatte schon ihre Pistole gereinigt und mich aufgefordert, in der Wohnung nach versteckten Schusswaffen zu suchen, damit ich mich auch entsprechend aufrüsten könne. Die Suche war erschreckend kurz. Im Wohnzimmerschrank lag offen eine Sig Sauer P 225, von Vika als „die haut ein Riesenloch“ gerühmt. Sie war geladen und ich steckte sie vorsichtig ein.

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