04.12.2011 -362-

Island, Reykjavik, ein baufälliger Schuppen am Stadtrand, dort wo die erstarrte Lava früherer Vulkanausbrüche eine Mondlandschaft geformt hat. Im Schuppen brennt Licht, zwei Männer bei der Arbeit, beide schweigend, so kennen sie es nur, seit sie sich kennen, sie kennen sich seit ihrer Geburt, sie sind Vettern. Aasgeir Gudmundson stand vorgebeugt, die Hände auf die Oberschenkel gestützt und beobachtete Knut Paulson bei der Arbeit. Auch das war wie immer. Knut arbeitete und Aasgeir schaute zu.

Knut Paulson war eine Berühmtheit auf der Insel, man nannte ihn den Edison des nördlichen Eismeers, und tatsächlich hatte Paulson die Glühbirne neu erfunden, als es ihm gelungen war, einen seltenen fluoreszierenden, mit Uran 235-Isotopen spezialbehandelten Tiefseefisch in ein Lampengewinde zu drehen. Paulson erfand immerfort. Die Kraft der unzähligen heißen Quellen auf der Insel nutzte er, um einen Schäler für Staußeneier zu konstruieren, aus dem Kot der noch viel unzähligeren Lachmöwen hatte er eine handliche Masse wohlschmeckenden Notproviants gefertigt, den seither jeder Fischer mit sich führte, wenn er sich den Unwägbarkeiten des Meeres aussetzte.

Gleichwohl achtete Paulson, der Mann des rationalen Fortschritts, die mystischen Traditionen seiner Heimat. Vor seinem Schuppen stand ein Findling und dort wohnte eine Elfenfamilie, Vater, Mutter, Schwiegermutter und zwei Kinder. Paulson hatte den Platz um den Stein mit gestohlenem Natodraht umzäunt, jeden Morgen stellte er eine Schale mit Zuckerwasser hin, das die Elfen so sehr liebten. An hohen Feiertagen verwöhnte er sie zudem mit einem Fingerhut voll Brannevin, dem ultimativen, weil sämtliche Eingeweide verzehrenden Schnaps. Nur die aus Möwenkot gewonnene Notration verschmähten Elfen. Anscheinend aßen sie nur vegetarisch oder wussten genau, dass Elfen niemals in Not geraten konnten, sehr wohl aber Menschen in Not stürzen.

Vor zwei Stunden war Aasgeir aufgetaucht. „Kannst machen, dass ich damit telefonieren kann?“ – und hatte ein altes Handy auf den Tisch gelegt. Als sich Paulson nach zwanzig Minuten von dem Schock der ungezügelten Rede Aasgeirs erholt hatte – zehn Jahre lang war er der Meinung gewesen, sein Vetter sei stumm, bis dieser einmal „Scheiße“ ausgerufen hatte, als er Paulsons Möwenration probierte – nach zwanzig Minuten also begann Paulson das Handy auseinander zu nehmen und die Einzelteile vor sich auf dem Tisch auszubreiten. Dann beugte er sich darüber, verharrte so bewegungslos eine knappe halbe Stunde und murmelte schließlich „hm“. Da wusste Aasgeir, dass sein genialer Vetter einen Weg gefunden hatte, das Problem zu lösen.

Knut Paulson begann, die Einzelteile wieder zu einem Ganzen zusammenzufügen. Dies dauerte exakt eine Stunde. Drei Teile waren übriggeblieben, Paulson fegte sie achtlos vom Tisch. „Okay“, sagte er und wählte eine Nummer. Zehn Minuten lang hörte er aufmerksam zu. Dann schaltete er das Handy aus und reichte es Aasgeir. „Das war die New Yorker Zeitansage. Funktioniert. Schnaps?“

Aasgeir nickte genau zweimal. Um zu kommunizieren, er habe die Botschaft, das Handy funktioniere, dankend erhalten und um seine Bereitschaft zu signalisieren, mit seinem Vetter einen Schnaps zu trinken. Genau das taten sie dann auch. Es wurden zwei, drei Schnäpse, draußen heulte der Wind und Schneefall setzte ein. Islandwetter. Nach dem siebten Schnaps stand Aasgeir auf, nickte Paulson zu und verließ den Schuppen. Schlug den Kragen seiner Felljacke hoch, trabte in Richtung Stadt.

Island, Reykjavik, die Kneipe. Fünf Männer in einer Ecke blickten kurz auf, als ein sechster den Raum betrat. Es war Aasgeir Gudmundson. Er setzte sich zu seinen Freunden, zog das Handy aus der Tasche und legte es auf den Tisch. Sagte „da“ und fiel für den Rest der langen Nacht in tiefes Schweigen.

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