03.12.2011 -361-

„Deine Hermine ist verboten hübsch. Ein echtes Vollweib, wenn du mich fragst.“ Natürlich hatte ich Vika nicht gefragt. Ich war froh, dem drohenden Inferno enthemmter Frauen knapp entgangen zu sein, Borsig, der gute alte Borsig hatte mir mit seinem Erscheinen den Allerwertesten gerettet. Seinen eigenen drückte er gerade auf die Luxusklobrille im Badezimmer, Vika und ich räsonnierten derweil still vor uns hin und zerkauten den Borsigschen Erlebnisbericht in verzehrfähige Häppchen, die sich aber, so sehr wir uns auch anstrengten, nicht schlucken ließen.

Der kleine Mann und Detektiv wider Willen war Schnüffel und seinem Begleiter unauffällig gefolgt. „Liegt mir irgendwie im Blut“, belobhudelte er sich selbst und sah beifallheischend zu Vika, die ihn natürlich von Anfang an schwerstens beeindruckt hatte. „Das Dumme war nur: meine Blase. Die hat gedrückt wie Sau und ich brauchte schon eine fast übermenschliche Willenskraft, um diesem Bedürfnis nicht nachzugeben.“ Ich schickte in Gedanken einen gepeinigten Blick des Fremdschämens gen Himmel. Wie der redete! „Jedenfalls“, fuhr er fort, „nahmen die beiden den Bus – ich selbstverständlich auch – und fuhren stadtauswärts. Das letzte Stück gingen sie zu Fuß, bis zu diesem Bauernhof, diesem Alternativladen.“

Genau. Das war die Verbindung. Die Landkommune Antonio Gramsci und der mehr als dubiose Detektiv Schnüffel arbeiteten zusammen. „Sie sind also rein und ich will pis… will sagen: urinieren, doch wo nur, wo nur!“ Er führte sich dabei auf wie ein italienischer Tenor, der sich gerade in einer Arie überlegt, wie er seine untreue Frau übern Jordan schicken soll. „Okay, ich hab dann äh mein Wasser an der Hauswand abgeschlagen. Besondere Gelegenheiten erfordern besondere Maßnahmen oder wie das heißt.“ Er seufzte. „Ich muss übrigens gleich wieder. Und mehr als eine Stunde warten wollte ich dort auch nicht. Der Schnüffel wär ja eh nicht mehr rausgekommen, das sagte mir mein Ermittlergen.“ Wieder beifallheischender Blick zu Vika, die nur genervt und gelangweilt nickte. „Also bin ich jetzt hier. Und jetzt muss ich schleunigst auf Toilette.“

Dort saß er nun. Wieder ein Puzzleteilchen, wieder half es uns kein Stück weiter, genauso wenig wie der Karnevalsprinz, von dem ich Vika erzählt hatte. Warum interessierte sich Günther Rath für einen Karnevalsprinzen? Auch in unserer Stadt war die Unsitte dieser Art von Belustigung verbreitet, es gab einen Karnevalsverein, diverse „Kappensitzungen“ und einen sogenannten Rosenmontagsumzug, bei dem alle zwanghaft kostümiert und ebenso fröhlich nach Bonbons und kleinen Schnapsfläschchen hechteten, die von geschmacklosen Umzugswagen geworfen wurden. Wie der aktuelle Karnevalsprinz hieß, wusste ich natürlich nicht. Vielleicht wusste es Borsig, der gerade sehr erleichtert von der Toilette kam und sich mit einem „so, ihr Lieben“ sehr dicht neben Vika auf die Couch setzte?

„Tja“, schnalzte Borsig mit der angeberischen Zunge, „weiß ich. Ihr meint den Kalle, also offiziell Karl-Heinz der Dreiunddreißigste mit seiner Lieblichkeit Prinzessin Bianca die Zweite. Ich kellnere doch immer bei den Kappensitzungen, wisst ihr.“ Und was war das so für einer? Borsig überlegte die Ewigkeit einer Sekunde lang. „Also soviel ich weiß, hat der einen Schrotthandel. Aber müsste man jetzt genauer re-cher-chie-ren.“ Er sprach das ungewohnte Wort mit der Akkuratesse eines gebildeten Mannes aus.

Wieder ein Fragezeichen also. Borsig versprach, der Sache auf den Grund zu gehen, jetzt aber müsse er auf Schleichwegen in die „Bauernschenke“, wo man seiner in Gestalt der ungeheueren isländischen Bildhauerin Nancy harrte. Sagte es und verschwand, nicht ohne zuvor einen sehr tiefen Blick in Vikas ebensolche Augen zu schicken und mir einen sehr flachen in die meinen, einen Blick, der sagte: Viel Spaß, du alter Schwerenöter.

Von wegen. Vika und ich saßen uns gegenüber, sie auf dem Sofa, ich im Sessel, wir grübelten vor uns hin, bis Vika endlich sagte: „So, ich geh ins Bett, ich bin müde. Und die Hermine solltest du dir warm halten.“ Mit diesem Rat endete die vage Aussicht auf ein erotisches Abenteuer.

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